Ernesto Handmann
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Satiren und Kurzgeschichten

Welch gelungener Abend!

Die kleinen Tropfen des kalten Hochsommerregens, der von der Nordsee in die holländische Ferienmetropole herüberdrückte, trafen nadelspitz auf die Gesichter von Bernd C. und Judith Füerbier. Tief vornübergebeugt gegen den steifen Nordwest-Sommerwind kämpfend, rannten die Füerbiers durch den nassgrauen Dünensand ihrem kleinen Strandhotel entgegen.

"Total erfrischend so ein Abendspaziergang, oder?", hechelte er atemlos im Windfang des Hotels, und sie nickte zustimmend mit dem zerzausten Kopf. Hastig rissen sie sich die transpirationsfreundlichen Raintex-Jacken vom Leib und hetzten in den großen Veranstaltungsraum, der bereits zum Bersten gefüllt war. Es hatte sich unter den Feriengästen herumgesprochen, dass heute ein grandioses Kulturereignis stattfinden sollte, ein Fanal moderner mitteleuropäischer Unterhaltungskunst.

"Hier! Huhu!" Ein hyänenhaftes Geheul durchdrang den Saal. Am dritten Tisch vorne links sah man zwei dicke nackte Arme sich ekstatisch hin und her bewegen.

"Du!" Judith Füerbier zeigte glückstrahlend auf die dicken Arme. "Frau Lütken hat uns einen Platz freigehalten."

In einem aufopferungsvollen Kampf gelang es Bernd C. und Judith Füerbier, sich durch einen Dschungel von Stuhllehnen, Handtaschen, Kinderkarren, angeleinten Hunden, Rucksäcken und herumkrabbelnden Kindern bis zu den dicken nackten Armen durchzuschlagen. Erschöpft bedankten sie sich bei deren Inhaberin für ihre Umsicht. Nachdem sie ihre zahlreichen Blessuren notdürftig versorgt hatten, konnten sie sich ihren Gönnern zuwenden. Auf seine Frage, ob es denn keine Probleme mit den ausländischen Hotelgästen gegeben habe, erfuhr Bernd C. Füerbier von Herrn Lütken, dass Herr Markowski mit seiner Familie den Fernsehapparat schon seit den frühen Morgenstunden streng bewacht habe. Unter Einsatz ihres Lebens hätten sie das deutsche Programm tapfer gegen ausländische Übergriffe verteidigt. Das sei heute schließlich der Höhepunkt der Saison, fügte seine Frau hinzu. Da könnten die Ausländer einmal sehen, was echter deutscher Humor sei. Höflich stimmte Bernd C. Füerbier ihr zu. Die Deutschen könnten mit dem berühmten englischen oder jüdischen Humor durchaus mithalten. Als der Beginn der Sendung sich ankündigte, mahnte Judith Füerbier die anderen mit einem durchdringenden Zischen zur Aufmerksamkeit.

Gebannt lauschten sie den einführenden Worten des Ansagers. Er freue sich, führte der elegant gekleidete Mann aus, dass man mit der Sendung "Pechvögel" einen Volltreffer gelandet habe, wie die millionenstarken Einschaltquoten bewiesen. Und auch für diesen Abend könne er wieder einen echten Leckerbissen versprechen. Es gehe nämlich diesmal um "Pechvögel im Sport".

Die Zuschauer im Kultursaal des Hotels quittierten die Ankündigung mit freudigen Ah- und Oh-Rufen. Judith Füerbier kicherte schon leise vor sich hin. Herr Lütken bestellte noch schnell vier Bier. Dann ging es los.

"Was macht der denn?" Mit weit geöffnetem Munde blickte Bernd C. Füerbier auf den Bildschirm: Ein Skiläufer stürzte in atemberaubender Fahrt auf einem steilen Slalomhang, überschlug sich mehrfach, riss sämtliche verbliebenen Torstangen mit sich zu Tal und prallte schließlich gegen einen Zuschauer, sodass sie nun zu zweit regungslos im Schnee lagen und von den hilfreichen Sanitätern versorgt werden mussten. Einer der eifrigen Helfer fiel dabei seinerseits in den Schnee.

Der Saal brüllte vor Lachen. Bernd C. Füerbier verschüttete quiekend die Hälfte seines Bieres.

In dezentem Ton kündigte der Moderator weitere Höhepunkte an, doch Bernd C. Füerbier konnte der Ansage nicht folgen, weil er durch lautes Stühlerücken in seiner Aufmerksamkeit gestört wurde. Zwei Ehepaare verließen mit steinerner Miene den Raum.

"Das sind die Engländer aus dem ersten Stock", raunte Frau Lütken Bernd C. und Judith Füerbier zu.

"Die haben halt keinen Sinn für hintergründige Situationskomik", mokierte sich Bernd C. Füerbier.

Während der Kellner ein Tablett mit frischen Bierflaschen für seine deutschen Gäste heranschleppte, ergötzten diese sich bereits an einem Pulk Radrennfahrer, der - einem eiligen Vogelschwarm gleich - über die spiegelglatte Bahn einer großen Sporthalle dahinflog. In der luftigen Höhe der Steilkurve glitt einer der Fahrer mit dem Vorderreifen aus und kollidierte mit seinen Konkurrenten. In einem wirren Knäuel stürzte das gesamte Teilnehmerfeld kopfüber das polierte Parkett hinunter, bis die Männer, unter einem Berg in sich verkeilter Fahrräder begraben, mit gebrochenen Armen und blutig aufgerissenen Beinen liegenblieben.

Donnerndes Gelächter erfüllte den Raum. In seiner unbändigen Freude klatschte Bernd C. Füerbier sich rhythmisch auf die Schenkel. "Total köstlich!", grölte er und begann mit den flachen Händen seine Schienbeine wie Pfähle in den Fußboden zu rammen. Die Stimmung unter den deutschen Hotelgästen war überwältigend.

Nach den Engländern gingen nun auch einige holländische Zuschauer aus dem Saal. Voller Unverständnis sahen Bernd C. und Judith Füerbier ihnen nach, doch Herr Lütken hatte eine Erklärung parat. Jedem Holländer lasse solche Stümperei wie die eben gesehene die Haare zu Berge stehen, erläuterte er sachkundig. Die Holländer könnten so einen Anfängerfehler einfach nicht mit ansehen. Schließlich gehörten sie zur größten Radfahrernation der Welt.

"So etwas Humorloses!", wandte Judith Füerbier ein. So ein Massensturz sei doch irgendwo echt witzig.

"Judith! Guck hin! Fußball!" Bernd C. Füerbier deutete auf eine Szene, in welcher ein Fußballspieler dem Schiedsrichter den nassen Ball mit ganzer Kraft an den Kopf trat. Der Getroffene fiel wie ein Brett um und blieb bewusstlos am Boden liegen. Unter den Lachsalven der Hotelgäste wurde die Szene noch einmal in Zeitlupe wiederholt und dann mit lustiger Musikuntermalung als "Ballett" dargeboten - in schnellem Wechsel teils schneller, teils verlangsamt, teils vorwärts, teils rückwärts.

"Ist das komisch!" Bernd C. und Judith Füerbier lachten Ströme von Tränen.

Hinten an den beiden Tischen neben der Tür verließen wiederum einige Gäste den Kultursaal. "Franzosen", bemerkte Herr Lütken kopfschüttelnd. Das seien echte Trauerklöße, höhnte Bernd C. Füerbier. Diese Leute hätten halt kein Gespür für feinsinnigen und niveauvollen Humor.

Ein ohrenbetäubendes Klirren und Poltern riss ihre Köpfe herum. Fast gleichzeitig dröhnte frenetisches Gelächter durch den Raum. Bernd C. Füerbier prustete los, und sein Gesicht zerfurchte sich vor Lachen zu einer faltigen Fratze.

"Du?" Judith Füerbier sprang auf und reckte den Hals. "Du!", johlte sie. "Super! Ist das komisch!" Sie wies mit dem Finger zur Saaltür, wo der Kellner inmitten eines Haufens nasser Scherben von zerbrochenen Bierflaschen lag. Um ihn herum hatte sich eine große Bierlache ergossen.

Bernd C. Füerbier hielt sich den Bauch. "Uh", röchelte er, "uh" und rang vor Lachen nach Luft.

"Du?" Judith Füerbiers Gesichtszüge normalisierten sich plötzlich. "Du!", rief sie beunruhigt.

Tränenüberströmt schüttelte sich Bernd C. Füerbier in heftigen Lachkrämpfen.

"Du! Hör auf zu lachen!" Judith Füerbier sah ihren Mann verängstigt an. "Mein Gott! Frau Lütken! Er lacht sich tot! Tun Sie doch was!"

Herr Lütken packte Bernd C. Füerbier geistesgegenwärtig bei den Schultern, zerrte ihn hoch und schüttelte ihn kräftig durch. "Herr Füerbier!", schrie er. "Kommen Sie zu sich! Die Sendung geht doch weiter!"

Bernd C. Füerbier blickte ihn aus feuchten Augen an. Dann atmete er tief durch. "Uh, war das komisch!", keuchte er und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Er setzte sich wieder aufrecht auf seinen Stuhl. "Darauf muss ich erst mal ein Bier trinken. Sie trinken doch auch noch eins?"

Herr und Frau Lütkens nickten.

"Herr Ober!", rief Bernd C. Füerbier in Richtung Saaltür. "Vier Bier!"

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