Ernesto Handmann
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Satiren und Kurzgeschichten

Staatstragende Bevölkerungsschicht

Die Kerzenflamme auf Bernd C. und Judith Füerbiers Tisch zeigte nicht den geringsten Anflug eines Flackerns, als ein Mann von etwa vierzig bis sechzig Jahren durch die Tür zum Jagdzimmer des berühmten Restaurants "Edler Hirsch" schlich und vor dem Tisch der Fürbiers auftauchte.

"Es tut mir aufrichtig leid, wenn ich Sie beim Essen störe", entschuldigte sich der Ankömmling. "Gestatten die Herrschaften vielleicht, dass ich an der Tischecke Platz nehme? Leider ist sonst alles besetzt. Wissen Sie, es ist mir wirklich sehr unangenehm, dass ich Sie belästigen muss. Verzeihen Sie bitte vielmals. Wirklich, es ist mir sehr unangenehm."

Bernd C. Füerbier nickte leicht mit dem Kopf, schob einen Bissen in den Mund und pries ihn nach ein paar prüfenden Kaubewegungen als tierisch zart. Seine Frau stimmte diesem Urteil mit einem gedehnten "Hmmmm" zu. "Du, wahnsinnig köstlich!", lobte sie.

"Rollmops mit Bratkartoffeln haben die Herrschaften genommen?", zeigte sich der neue Gast interessiert.

"Die Spezialität des Hauses", gab Bernd C. Füerbier Auskunft. "Echter Lofot-Hering! Und dazu original argentinischer Pampassalat. Ganz frisch eingeflogen! Riesig, sag ich Ihnen. Unter Feinschmeckern ein echter Geheimtipp. Sollten Sie auch nehmen!"

Der Fremde bestellte sich Hirschragout mit Waldpilzen und Salzkartoffeln und schwelgte still in den waidmännischen Geschmacksfreuden. Nachdem er höchst akribisch die Reste seines Vanillepuddings aus dem Schälchen geschabt hatte, räumte die Bedienung die Teller ab. "Hat's geschmeckt?", erkundigte sie sich mit der aufrichtigen Anteilnahme ihres Berufsstandes.

Die Füerbiers mochten erwartet haben, dass der Mann die Frage mit einer heftige Geste abgrundtiefen Ekels von sich weisen würde, stattdessen jedoch antwortete dieser Mensch eifrig: "Danke vielmals! Ganz vorzüglich!"

Judith Füerbier steckte den Kopf zu ihrem Mann hinüber. "Du?", wisperte sie. "Mit dem stimmt irgendwo was nicht, du."

Mit schlaff herabhängenden Schultern und krummem Rücken saß der Fremde an der Tischecke. Sein fahles Gesicht und seine bis in den Nacken reichende Stirn kontrastierten kräftig zu seinem dezent karierten dunkelbraunen Jackett.

"Wissen Sie", flüsterte er niedergeschlagen, während er penibel einige Salzkörnchen von der Tischdecke strich, "ich esse äußerst ungern in Restaurants. Die Preise sind meistens überhöht."

Judith Füerbier hob die Augenbrauen und blickte ihren Mann an, als wollte sie sagen, der Fremde sei schon ein seltsamer Vogel.

"Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, wie sehr wir alle über unsere Verhältnisse leben, meine Herrschaften?"

"Hm", grunzte Bernd C. Füerbier.

"Wissen Sie", fuhr der neue Gast fort, "mein Chef hält uns jeden Tag vor, wie verschwenderisch zum Beispiel der Staat mit unseren Steuergroschen umgeht. Jeden Tag erzählt er aufs Neue, meine Kollegen und ich sollten freiwillig auf jede Gehaltserhöhung verzichten, dafür aber in der Woche unentgeltlich ein paar Stunden mehr arbeiten. Nur durch ein hohes Maß an Opferbereitschaft, Bescheidenheit und Verzicht könnten die bedrohlichen Finanzprobleme unseres Staates gelöst werden."

"Total schauderhaft!", brauste Bernd C. Füerbier auf. "Das muss ja eine grauenhafte Firma sein, in der Sie arbeiten. Man könnte glauben, Sie sind einer Bande von fernöstlichen Sklavenhaltern in die Hände gefallen."

Der Mann tat, als habe er diese Äußerung überhört. Man dürfe nie gleich von vornherein 'nein' sagen, redete er weiter. Das gehöre zum Berufsethos seines Standes. Pedantisch stapelte er einige umherliegende Bierdeckel aufeinander. Seine Kollegen und er seien ja wirklich gerne bereit, ohne Bezahlung einige Stunden pro Woche mehr zu arbeiten, wenn dadurch die maroden Staatsfinanzen saniert werden könnten. Doch er glaube nicht daran, dass seine Kollegen und er es alleine schaffen könnten, den Staat vor dem Ruin zu retten.

Hinter vorgehaltener Hand drängte Judith Füerbier ihren Mann, diesen Menschen doch einmal nach seinem Beruf zu fragen, denn der Typ sei doch nicht normal, das sei doch wohl klar. Aber Bernd C. Füerbier scheute anscheinend ein offenes Wort, vielleicht aus Angst, der Mann würde sich in seiner angegriffenen Gemütsverfassung auf der Stelle etwas antun. Zurückhaltend fragte er den anderen Gast nur, ob er in einer Gewerkschaft sei.

"Natürlich nicht!", entrüstete sich der Fremde. "Wissen Sie, wer bei uns mit der Meinung des Chefs nicht einverstanden ist, wird sofort unter Druck gesetzt. Ich habe auch Angst, etwas gegen seine Auffassungen zu sagen. Nachher steckt man mich noch in eine andere Abteilung, womöglich in die Beschwerdeabteilung, und ich muss mir von morgens bis abends all die Klagen und Beschimpfungen irgendwelcher Querulanten anhören. Das ist doch kein Leben!" Der Mann hielt den Kopf gesenkt, um die Tränen in seinen Augen zu verbergen.

Bernd C. Füerbier ging rücksichtsvoll auf die vor ihm hockende Kreatur ein und versuchte einfühlsam, sie aufzurichten. Sie dürfe sich das nicht alles so zu Herzen nehmen, sondern müsse dagegen angehen. Man dürfe sich im Leben nun einmal nicht alles gefallen lassen. Das sei ein Gebot der Selbstachtung.

Dankbar sah der Fremde ihn an. Er schien wieder Hoffnung zu schöpfen, und sein Gesicht entspannte sich. Aufmerksam lauschte er Bernd C. Füerbiers tröstenden Worten, mit denen dieser ihn ermutigte, den Betriebsrat zu mobilisieren und seine Arbeitnehmerrechte wahrzunehmen. Schließlich lebe man doch nicht mehr unter den menschenverachtenden Herrschaftsverhältnissen des Frühkapitalismus, erklärte Bernd C. Füerbier. "Leisten Sie Widerstand!", wiegelte er seinen Gesprächspartner auf. "Schließen Sie sich mit ihren Arbeitskollegen zusammen! Sie müssen sich halt solidarisieren!"

Als habe er einen guten Vorsatz gefasst, nahm der Fremde die Hände aus dem Schoß und stützte die Ellenbogen auf den Tisch.

Er solle seinem Chef die Stirn bieten, setzte Bernd C. Füerbier seine Bemühungen fort, seinem Tischnachbarn den Rücken zu stärken. Einen Mann mit solchen Ansichten könne man doch gar nicht ernstnehmen. "Seien Sie stark! Zeigen Sie Ihrem Chef, wer Sie sind!", feuerte er den Fremden an.

Der richtete sich plötzlich auf, straffte seinen eingesunkenen Oberkörper und verschränkte die Arme vor dem gewölbten Brustkorb. Deutlich sichtbar bäumte er sich gegen sein Schicksal auf. "Jawohl!", rief er und sprang von seinem Sitz empor. "Wissen Sie, ich werde es meinem Chef beim nächsten Mal geradewegs ins Gesicht brüllen, dass er mich mit seinem Quatsch zufriedenlassen soll! Jawohl! Er solle sofort den Mund halten! Das werde ich dem Kerl sagen!" Mit entschlossener Kampfesmiene stand er selbstbewusst an seiner Tischecke.

Von der überraschenden Entwicklung beunruhigt, mahnte Judith Füerbier ihren Mann zur Vorsicht. Man wisse nicht, was dieser Mensch noch alles anstellen könne. Und auch Bernd C. Füerbier zeigte sich stark beeindruckt von dem unerwarteten Gefühlsausbruch seines Gegenüber. "Eine heimliche Kämpfernatur", flüsterte er seiner Frau zu.

"Was machen Sie denn so beruflich?" Judith Füerbiers Neugier machte sie mutig.

Der Angesprochene ignorierte die Frage. "Wehe meinem Chef!", schnauzte er tollkühn. Auch seine Stimme war fest geworden, und in seinen Augen schimmerte ein revolutionärer Glanz. "Ich werde seine Schikanen ein für alle Mal beenden!" Das Jagdzimmer im Restaurant "Edler Hirsch" erbebte unter den donnernden Rufen dieses Gastes. Die Kerzenflamme auf dem Tisch flackerte in wildem Tanz hin und her, sodass Judith Füerbier sich ängstlich an den Arm ihres Mannes klammerte. Mit drohend erhobenem Kopf rief der gewandelte Fremde, dass auch die Frau seines Chefs, diese gezierte Schlange, ihn noch kennenlernen werde. Breitbeinig vor seiner Tischecke stehend, das Kinn trotzig nach vorne geschoben und die Arme heldenhaft vor dem gewölbten Oberkörper verschränkt, schaute er triumphierend durch die kleine Gaststube.

In diesem Moment begann die Kerzenflamme auf dem Tisch erneut heftig zu flackern. Ein Ehepaar mit silbergrauem Haar und eleganter Kleidung betrat den Raum und sah sich zurückhaltend nach einem freien Tisch um.

"Guten Abend, Herr Nattmich!", grüßte der neue Gast.

Der Tischnachbar der Füerbiers drehte sich erschrocken zur Seite, war jedoch sogleich Herr der veränderten Lage. Überschwänglich wie ein kleiner Hund begrüßte er die Neuankömmlinge. Er sei hocherfreut über die Begegnung, zumal die gnädige Frau wieder einmal wunderbar aussehe. Und wie der Zufall es gerade wolle, sei zu ihrer aller Glück soeben ein Tisch frei geworden. Übereifrig half der merkwürdige Fremde mit Namen Nattmich der Frau aus dem Mantel, rückte ihr beflissen den Stuhl zurecht und reichte ihr devot die Speisekarte. Zu Bernd C. und Judith Füerbier gewendet, entschuldigte er sich unter ständigen Verbeugungen tausendfach für die durch seine Anwesenheit verursachte Störung. Er fühle sich nun verpflichtet, sich einen Augenblick lang zu den neuen Gästen zu setzen. "Wissen Sie, das ist mein Chef, Herr Regierungsdirektor Neumann, mit seiner Gattin. Na, Sie wissen schon", sagte er und wünschte den Füerbiers einen guten Abend.

Bernd C. und Judith Füerbier sahen sich sprachlos an.

"Du?", sagte sie nach einer Weile, als sie sich wieder gefasst hatte. "Ich hab's ja gleich gewusst: Mit dem Typen stimmt was nicht. Der ist irgendwo nicht wie wir."

"Du hast recht", gestand Bernd C. Füerbier ein. "Aber wer konnte denn auch ahnen, dass hier Beamte verkehren?"

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