Ernesto Handmann
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Frösche per Modem

Ratlos blätterte Bernd C. Füerbier in einem bunten Prospekt. "Ich denke mal, ein Notebook mit einem schnellen Modem ist ein schönes Weihnachtsgeschenk für Florian. Er wird halt schon sechs Jahre alt."

"Du!", widersprach Judith Füerbier. "Ich denke, ein Fernseher ist irgendwo besser. Heute gibt es so viele Programme, da kann man gar nicht genug Fernsehapparate haben."

Ihr Mann zuckte mit den Schultern. "Rolf! Sag doch auch mal was dazu! Was sollen wir Judiths Neffen zu Weihnachten schenken?"

Seelenruhig kraulte Rolf Füerbier, sein psychisch kranker Bruder, der so tragisch an dem Afrika-Syndrom litt, Josef, den Dackel. Der lag lang ausgestreckt neben ihm auf dem Sofa und schnarchte.

Mit Engelsgeduld bemühte Bernd C. Füerbier sich noch einmal um einen Ratschlag seines Bruders, der ihm als Ingenieur doch gewiss beipflichte, dass gerade ein Computer samt schnellem Internetanschluss bestens geeignet sei, einem modernen Jungen die Welt zu erschließen.

"Unsinn!", entgegnete Rolf Füerbier schroff.

Diese Abfuhr für ihren Mann interpretierte Judith Füerbier lauthals als Zustimmung für ihren eigenen Vorschlag, doch ihr Schwager schimpfte auch mit ihr. Es sei ihm unbegreiflich, wie die beiden auf derart abwegige Gedanken verfallen könnten. Einem sechsjährigen Jungen schenke man eine Angel oder ein Zelt oder ein Fahrrad, aber nicht so einen elektronischen Firlefanz.

Firlefanz! Dieser Eigenbrötler würdigte den Fortschritt als Firlefanz herab und wollte wieder zurück in das urzeitliche Zelt!

"Aber Rolf!", lachte Bernd C. Füerbier gekünstelt. "Welches moderne Kind freut sich denn noch über solch altmodische Geschenke? Schließlich gibt es heute so super Computerspiele, die den Kids echt Riesenspaß machen. Hier, sieh mal!" Er wies auf den Prospekt. "Da werden zum Beispiel Angriffe von außerirdischen Killerfrogs simuliert oder eine Vampirinvasion von einer anderen Galaxie. Das sind doch super Spiele! Das übt ein Stück weit die Kreativität und baut Aggressionen ab."

"Kreativität, Aggressionsabbau", amüsierte sich Rolf Füerbier. "Das ist doch dummes Psychologengeschwafel."

Judith Füerbier war tief entsetzt über diese massive Blasphemie. Schließlich bildete die moderne Psychologie als hochseriöse Naturwissenschaft die geistige Grundlage unserer Gesellschaft.

"Genau, Rolf!", drang auch Bernd C. Füerbier auf seinen Bruder ein. "Ich denke mal, die Psychologen haben irgendwo recht. Gerade das frühzeitige Spiel mit solchen Geräten fördert die elektronische Kompetenz, unterstützt das logische Denkvermögen und steigert so die Intelligenz. Das hat eine streng wissenschaftliche Evaluation ergeben. Und die Kinder lernen ganz nebenbei sogar noch Englisch."

"Wenn du etwas für die Bildung des Jungen tun willst, dann schenke ihm ein Buch mit Geschichten!", führte Rolf Füerbier erneut Widerrede.

"Ein Buch? Sagtest du eben: ein Buch?" Bernd C. Füerbier lachte hysterisch auf. "Du willst das Kind einsperren und zum Lesen zwingen? Ein Buch mit Geschichten? Ganz ohne bewegte Bilder? Ich lach' mich tot." Er schlug sich ein paarmal mit der flachen Hand gegen die Stirn.

"Also ich denke, die Kinder sollten lieber mehr Fernsehen gucken als immer vor diesen schrecklichen Computern zu sitzen", wärmte Judith Füerbier ihren alten Vorschlag noch einmal auf. "Im Fernsehen bringen die jedenfalls super Tier- und Naturfilme."

"Um Gottes willen!", protestierte Rolf Füerbier. "Das ist ja noch schlimmer, wenn sie ständig fernsehen."

"Also echt, Judith!", stellte sich nun auch Bernd C. Füerbier gegen seine Frau. "Natur-Programme gibt's für Computer selbstverständlich auch. So ist das ja nun nicht!" Er blätterte seinen Prospekt auf. "Hier zum Beispiel: Öko-Programm ,Wer rettet den tropischen Regenwald?' Guerillakämpfer gegen Bulldozer. Oder hier: ,Kampf der Ölpest!' Supertanker aufspüren und versenken." Triumphierend blickte er die beiden an. "Das ist doch gnadenloser Umweltschutz! Oder?"

"Aber man darf doch den Kindern unsere heimische Natur nicht ganz vorenthalten", insistierte Judith Füerbier. "Sie müssen doch auch mal die Hasen und Störche und all diese possierlichen Tiere kennen lernen. Und das gibt's halt nur im Fernsehen."

"Sechsjährige Jungen sollen gefälligst draußen an der frischen Luft spielen!", widersprach ihr Schwager. "Frösche fangen, Feuer machen, Höhlen bauen."

Bernd C. und Judith Füerbier sahen sich konsterniert an. Josef hob den Kopf.

"Rolf!" Bernd C. Füerbier kämpfte um seine Beherrschung. "Sigrid und Edgar wohnen mit ihren Kindern in Berlin! Verstehst du? Berlin!" Er beugte sich nach vorne, als spreche er mit einem Schwerhörigen. "Florian lebt in der Hauptstadt dieser Republik! Die Bürger dort haben Kultur! Verstehst du? Die Kids in Berlin haben echt was drauf! Der Junge spielt doch keine Spiele für afrikanische Eingeborene oder niederbayrische Bauernbuben! Der braucht was Modernes, was mit echt kulturellem Anspruch!"

"Echt, Rolf!", grollte auch Judith Füerbier mit vorwurfsvollem Unterton. "Man kann doch die Kinder nicht einfach nach draußen schicken!"

Rolf Füerbier hatte sich bereits wieder Josef zugewandt und streichelte ihm den dünnbehaarten Bauch.

"Rolf!", versuchte es nun sein Bruder wieder mit ihm. "Ich denke, wir können halt irgendwo froh sein, dass es Computer und Fernsehen gibt. Auf diese Weise werden die Kinder und Jugendlichen halt sinnvoll beschäftigt, bis ihre Eltern von der Arbeit zurück sind. Ich denke, der Staat lässt die Eltern doch irgendwo total im Stich. Was sollen sie denn machen, solange es bei uns kaum Krippenplätze, Kindergärten und Ganztagsschulen gibt? Sollen Berufstätige etwa auf Kinder verzichten? Oder sollen Leute mit Kindern etwa ihren Beruf nicht ausüben? Für wen haben sie denn schließlich die Kinder in die Welt gesetzt?"

"Ein Computer kann den Wald nicht ersetzen und ein Fernsehapparat nicht den Bach. Und eine Ganztagsschule ist keine Familie!" Rolf Füerbier blieb verstockt.

"Aber alle denken so wie ich! Politikerinnen und Politiker, Soziologinnen und Soziologen, Pädagoginnen und Pädagogen", schnaubte Bernd C. Füerbier erregt. "Und du willst dich gegen deren Sachverstand stellen? Du glaubst wohl, du bist schlauer als die andern?"

"Was alle denken, interessiert mich nicht! Es ist ohnehin meistens verkehrt. Das sind doch völlig verrückte Ansichten."

Judith Füerbier erbleichte, Bernd C. Füerbier wurde zornrot. Wütend sprang er auf. "Ich lasse mich von dir nicht beleidigen!", rief er. "Das habe ich nicht nötig!"

Blitzartig schreckte Josef hoch und versteckte sich unter dem Sofa.

Auch Judith Füerbier hatte sich erhoben und beruhigend den Arm ihres Mannes ergriffen. "Du!", mahnte sie. "Nun lass doch!"

Rolf Füerbier stand ebenfalls. "Ich gehe jetzt. Frohe Weihnachten!", sagte er und entfernte sich.

"Rolf!", rief Judith Füerbier ihm flehentlich hinterher. "Nun bleib doch!"

Sie hörten, wie die Haustür ins Schloss fiel.

Unglücklich sah Judith Füerbier ihren Mann an. "Du", seufzte sie, "warum Rolf sich und den anderen das Leben bloß irgendwo immer so schwer macht."

Er nickte. "Statt halt irgendwo ein Stück weit mit der Zeit zu gehen, stänkert er gegen alles an, was ihm nicht passt. Rolf ist halt irgendwo der totale Wiedehopf."

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