Was ist eine Ballade?
Erklärung, Merkmale und Definition einer Ballade
Inhaltsübersicht
1. Entstehung der Ballade in Europa
- ursprünglich seit dem 12. Jahrhundert im romanischen Sprachraum ein Lied mit Kehrreim, das zum Tanz gesungen wurde ("ballata", "ballada", "balada" = "Tanzlied");
- im Mittelalter in Frankreich ein kunstvolles Lied mit strenger Form;
- in England ("ballad") ein getragenes erzählendes Lied, oft tragischen und dramatischen Inhalts.
2. Die Volksballade in Deutschland
- in Deutschland im 14. und 15. Jahrhundert, auf dem germanischen Heldenepos basierend, als Volksballade (erzählendes Heldenlied);
- im 16. und 17. Jahrhundert als erzählendes volkstümliches Bänkellied (Bänkelsang) und als Moritat;
- in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Romanze, einer naiv-volksliedhaften, oft scherzhaften oder gefühlsbetonten, eher schlichten Gedichtform, gewissermaßen einer anspruchsloseren Schwester der Ballade, wie z.B. Goethes "Pygmalion" aus dem Jahre 1766 oder Heines spöttisches Gedicht "Zwei Brüder" (zu Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden).
3. Die Blütezeit der deutschen Ballade: Balladenjahr 1797
- Mit dem sog. Balladenjahr 1797, in dem bedeutende Balladen besonders von Schiller (z. B. Der Handschuh, Der Taucher), aber auch von Goethe (z. B. Der Schatzgräber, Der Zauberlehrling) entstanden, begann die Hochblüte der deutschen Ballade. Sie reichte bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Als sog. Kunstballade ("deutsche Ballade", "klassische Ballade") bildete sie eine ausgefeilte Gedichtform (kein Lied!) mit
lyrischen, dramatischen und epischen
Elementen (Begriffsklärung s. Abschnitt 5). Beispiele stellen besonders Goethes "Erlkönig" sowie Balladen von Schiller, Mörike, Droste-Hülshoff, Heine, C. F. Meyer oder Fontane dar (s. dazu die umfangreiche Auswahl auf der Seite Balladen).
4. Ballade in Deutschland im 20. Jahrhundert
- Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland neben der klassischen Form die rein erzählende ("epische") Ballade ohne dramatische Elemente, zumeist mit ethischem oder sozialkritischem Hintergrund (z.B. Brecht, Ballade von den Abenteurern; Becher, Bauernballade), auch als sog. Erzählgedicht.
- Von Brecht/Weill wurde in der "Dreigroschenoper" für einige Lieder nach angelsächsischem Sprachgebrauch ("ballad-opera" des 17. Jahrhunderts) der Begriff "Ballade" statt der deutschen Begriffe "Moritat" ("Schauerballade") oder "Bänkellied" ("Bänkelsang") verwendet (z.B. "Ballade vom angenehmen Leben").
5. Merkmale einer Ballade (Was ist eine Ballade?)
Allgemein versteht man in Deutschland unter einer Ballade also einen Text mit den Merkmalen
- eines Gedichts (lyrisches Merkmal, d.h. in der Art eines stimmungsvollen Gedichts), z.B. C. F. Meyer, Die Füße im Feuer, letzte Strophe, 1. Hälfte
- eines Schauspiels (dramatisches Merkmal, d.h. spannend und mit Dialogen ausgestaltet, in der Art eines Schauspiels), z.B. C. F. Meyer, Die Füße im Feuer, die ersten Verse der 2. Strophe
- einer Erzählung (episches Merkmal, d.h. erzählend, in der Art einer Geschichte), z.B. C. F. Meyer, Die Füße im Feuer, 1. Strophe
6. Beliebte Kategorien der deutschen Ballade
Drei Kategorien von Balladen wurden in Deutschland besondes gepflegt:
- Handlungsballade: Balladen mit einem sich dynamisch entwickelnden dramatischen Geschehen, das in einem markanten Höhepunkt gipfelt (z. B. Goethe, Erlkönig; Schiller, Die Bürgschaft; C. F. Meyer, Die Füße im Feuer). Handlungsballaden sind oft als "Heldenballade" angelegt (z. B. Fontane, John Maynard) oder als "Schauerballade" ("Gespensterballade", z. B. Fontane, Silvesternacht).
Zumeist meint man mit dem Begriff "Ballade" eine Handlungsballade, wie z. B. in dem Satz: "Auf dem Lehrplan für die 7. Klasse steht eine Ballade." S. dazu auch Abschnitt 7.
- Beschauliche Ballade: besonders die in der Romantik gepflegte, auf Dynamik weitgehend verzichtende, oft verklärende oder gefühlsbetonte Darstellung von typisierten Figuren, Naturbildern oder märchenhaften Erscheinungen (z. B. Chamisso, Das Riesenspielzeug; Uhland, Der Wirtin Töchterlein)
- Gesellschaftskritische Ballade: auf die Schilderung gesellschaftlicher Zustände ausgerichtete Balladen (z. B. Heine, Die schlesischen Weber)
7. Häufige Wirkungsabsichten der deutschen Ballade
- Unterhaltungsballade: die unterhaltsame Ballade mit geheimnisvollem, unheimlichem oder mystischem Hintergrund, etwa als "Schauerballade" oder "Gespensterballade", oft auch als "numinose Ballade" (numinos: schauervoll-anziehend göttlich) oder "naturmagische" Ballade (naturmagisch: mit unerklärlichen Kräften (Zauberkräften) der Natur behaftet) bezeichnet (z.B. Goethe, Erlkönig, Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor, Fontane, Der 6. November 1632 und Silvesternacht)
- Belehrende Ballade: die belehrende Ballade mit ethischem Hintergrund, bisweilen als reine "Heldenballade" angelegt (z.B. Fontane, John Maynard; Schiller, Die Bürgschaft; Goethe, Der Zauberlehrling; Goethe, Der Schatzgräber)
- Politische Ballade: die Ballade mit politischen oder moralisierend-sozialkritischen Absichten (z.B. Heine, Die schlesischen Weber, Brecht, Kinderkreuzzug; Mühsam, Der Revoluzzer).
8. Ballade und Lied: Balladenbegriff in der Musik
Die Texte von Balladen wurden früher des Öfteren nachträglich vertont und dann als Lieder vorgetragen (z.B. Goethes Erlkönig in Bearbeitungen von Carl Loewe, 1817, und Franz Schubert, 1815/1821).
Unabhängig davon wird in der Jazz- und Trivialmusik (Rock- und Popmusik, Lieder, "Songs") auch für getragene Erzähllieder und Instrumentalstücke heute leichtfertig und unpassend gerne das Wort "Ballade" verwendet. Hierbei wird jedoch unbedacht der englische Balladenbegriff (s.o. 1.) übernommen, der sich von dem deutschen Begriff der Ballade (s.o. 3.) deutlich unterscheidet.
9. Definition des Balladenbegriffs
Verkürzt lässt sich sagen: Eine Ballade ist ein Gedicht, in welchem zumeist anschaulich, lebendig und spannend ein besonderes Ereignis erzählt wird.
© Ernesto Handmann
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