Erlkönig
 1)

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau;
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." –
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang von Goethe
(1781)



1) Erläuterungen, Entstehung, Hintergrund, Interpretationshinweis
Die naturmagische, "numinose" (numinos: schaudernd machend, aber zugleich anziehend und faszinierend sein) Ballade "Erlkönig" entstand 1781. Sie wurde von der angesehenen Weimarer Schauspielerin Corona Schröter vertont und leitete als Lied am 22. Juli 1782 im Park von (Weimar-) Tiefurt die Uraufführung von Goethes Singspiel "Die Fischerin" ein. Der Titel "Erlkönig" bzw. "Erlenkönig" beruht auf einer fremden Fehlübersetzung des volkstümlichen Stoffes aus dem Dänischen und müsste eigentlich "Elfenkönig" heißen. Später vertonten u. a. Max Eberwein und Carl Loewe den "Erlkönig"; am bekanntesten wurde die Vertonung von Franz Schubert (1815 / 1821).
Schon die Herkunft des Stoffes aus dem nordischen Sagen- und Märchenschatz zeigt seine Wirkungsabsicht. Es ist daher unangemessen, das Unheimlich-Dämonische des Geschehens durch rationale Erklärungsversuche seiner reizvollen mystischen Wirkung zu berauben: Auch der vernünftig denkende Vater scheiterte schließlich mit seinen Sacherklärungen, sodass auch ihn das Grauen packte.
 (Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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