Ernesto Handmann
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Die gruppendynamische Komponente

Von seinem zusammengefalteten triefendnassen Regenschirm tröpfelte ein kleiner See auf den Flur der Volkshochschule. Durch eine offen stehende Tür fragte Bernd C. Füerbier: "Ist das hier die Selbsthilfegruppe?"

"Welche?", fragte eine schlanke blonde Frau um die Vierzig, die vorne an einem Schreibtisch saß, zurück. "Es gibt hier mehrere. Eine für kinderlose Frauen, eine für Genmaisallergikerinnen und Genmaisallergiker und eine für vegetative Störungen der Verdauungsorgane."

"Die Verdauungsgruppe."

"Ja, das ist hier", antwortete die Blonde.

Der Sitzungsraum war bereits gut gefüllt, als Bernd C. und Judith Füerbier eintraten und sich bei der Blonden vorstellten.

"Und ich bin die Eva", lächelte sie mit halb zusammengekniffenen Augen. "Wir duzen uns hier alle, weil das vertieft die individuelle Akzeptanz innerhalb der Gruppe. Als Diplompsychologin definier' ich mich halt über die Befreiung, weil ich find's halt irgendwo irrsinnig wichtig, dass jede sich ohne Angstbesetztheit mit ihrer ganzen Persönlichkeit in unsere Arbeit einbringt." Missbilligend schaute sie auf Bernd C. Füerbier. "Eigentlich arbeite ich in meinen Gruppen nur mit Frauen, weil wir Frauen definieren uns in dieser Männergesellschaft halt eh schon über permanente Unterdrückung. Da will ich wenigstens hier ein Stück Befreiung von der Männerherrschaft leisten."

Bernd C. Füerbier war Fixpunkt eines runden Dutzends teils neugierig, teils feindselig blickender Augenpaare.

"Bei den Partnerinnen und Partnern einer festen Beziehung mache ich jedoch gelegentlich eine Ausnahme. Ich denke, ich wage es mal mit euch."

Judith Füerbier atmete erlöst auf.

Allerdings, schränkte Eva ein, behalte sie sich vor, männliche Mitglieder von der Arbeit auszuschließen, wenn sie sich nicht unterordnen wollten. Mit ihren pergamenthäutigen, grauen Händen kramte sie einen Kugelschreiber aus einer glatten hellbraunen Rindledertasche. "Ich muss noch bitte eure Personalien aufschreiben." Und mit flotter Schrift vermerkte Eva die Angaben der Füerbiers auf je einer blassgrauen Karteikarte. Dann mahnte sie, die beiden müssten bitte wahnsinnig intensiv an sich arbeiten, um den Vertrauensvorsprung der anderen ein Stück weit aufzuholen, denn die Gruppe sei schon dreimal zusammengekommen. Frau kenne sich also schon gut.

"Ich denke, Judith und Bernd, wir machen es bitte immer so, dass wir die erste Stunde gesprächstherapeutisch arbeiten und einen Austausch haben. Die Teilnehmerinnen bringen dann ein, welche Fortschritte sie seit der letzten Arbeitssitzung bei sich verspüren. Ich denke, heute weiß halt eh jede und jeder, dass frau und man therapeutisch daran arbeitet, über ihre und seine Probleme zu reden."

"Natürlich!", bestätigte Bernd C. Füerbier.

"Ich denke, ab neun folgt dann bitte wieder die gruppendynamische Komponente der Therapie. Wir setzen dann bitte unsere Arbeit drüben im ökologischen Restaurant fort, weil bei gemeinsamen Mahlzeiten kann halt jede ihre Ich-Botschaften rüberbringen und frau hat Gelegenheit zum aktiven Zuhören. Ich denke mal, in so einer repressionsfreien Atmosphäre können halt gerade die Teilnehmerinnen mit einer geringen Frustrationstoleranz irgendwo lustvoller daran arbeiten, ihre komplexen Unterdrückungsängste durch eine Umstellung der Ernährung zu kompensieren, weil sie definieren sich halt primär über den Bauch."

Bernd C. und Judith Füerbier nickten eifrig.

"Ich denke, wir beginnen unsere Arbeit bitte wieder mit einer kurzen Meditation!", richtete sich Eva an das Auditorium. "Judith und Bernd, ihr holt euch bitte einen Stuhl und setzt euch bitte mit in den Kreis!"

Lernbegierig guckten sich Bernd C. und Judith Füerbier von den anderen ab, wie man meditiert.

"Also, ich bin die Traute", begann anschließend eine lang aufgeschossene Rothaarige mit drahtig gekräuselter Löwenmähne, die ihr um die mageren Schultern wallte, den gesprächstherapeutischen Teil. Während Trautes Ich-Botschaften musterte Bernd C. Füerbier den großen Kreis der Teilnehmerinnen. Seine Augen blieben an einer kleinen Schwarzhaarigen mit Stoppelfrisur haften. Lange begutachtete er sie, ihre muskulösen Waden, ihre etwas spitzen Knie und glatten, prallen Oberschenkel. Sie war die einzige, die einen kurzen Rock trug, schwarz, wodurch ihre runden Hüften und die enge Taille besonders auffielen. Auch der anthrazitfarbene Mohairepullover betonte ihre Weiblichkeit.

Derweil schwärmte Gerti bereits von den Fortschritten, die sie irgendwo verspüre und die echt wahnsinnig riesig seien, auch ernährungsmäßig und so.

"Unbedingt!", unterbrach die kleine Schwarzhaarige mit den Stoppelhaaren, die sich als Gabi vorstellte. "Das kann ich unbedingt unterschreiben, was du eben gesagt hast. Gerade die Umstellung auf eine bewusstere Ernährung hat bei mir irgendwo echt was gebracht! Ich möchte meine Buchweizenröllchen und meine Grünkernklößchen echt nicht mehr missen."

Ein Unwetter von Zustimmung brach von allen Seiten über Gabi herein. In dem schrillen Stimmengewirr, in welchem die therapeutischen Vorzüge der ökologiebewussten Ernährung lautstark gepriesen wurden, wanderten Bernd C. Füerbiers Augen immer wieder zu der kleinen Gabi hinüber. Als der ekstatische Krawall nicht enden wollte, verließ Eva ihre zurückhaltende Diplompsychologinnenposition und drängte zum Aufbruch. Es sei schon neun Uhr, und frau müsse bitte zur gruppendynamischen Komponente übergehen. Spornstreichs machte man sich auf ins ökologische Restaurant, wo Bernd C. Füerbier sich ganz zufällig weit entfernt von seiner Frau und direkt neben der kleinen Gabi wiederfand.

"Was isst man denn hier so?", erkundigte er sich unsicher bei ihr.

"Du solltest erst mal mit einem Birchermüesli beginnen", riet sie ihm. Für Anfänger seien Müsli und Haferflocken nämlich am besten geeignet. Fortgeschrittene könnten dann schon mal Haferkörner und Leinsamen probieren. Hirse, Buchweizen und Dinkel schließlich blieben den Geläuterten vorbehalten.

Er betrachtete sie fasziniert. Einige Regentropfen glitzerten noch auf den Spitzen ihrer kurzen Haare. Ihre langen samtenen Wimpern waren sanft geschwungen.

"Diese naturnahen Sachen lassen sich ja so phantasievoll zubereiten, wenn frau ein wenig kreativ ist", sprach sie voller Begeisterung. "Paprikaschoten, mit Grünkern gefüllt, Blumenkohl mit Dinkel und frischen Kräutern, Weizenvollkornpfannkuchen mit Sonnenblumenkernen und gehäckselten Minzeblättern - echt Wahnsinn, was frau da alles machen kann."

Bernd C. Füerbiers Augen hingen unverwandt an Gabis ungeschminkten vollen Lippen. "Hört sich total stark an!" Er rückte dichter an sie heran. "Was isst du denn am liebsten?"

"Ich bestelle einen Buchweizenpfannkuchen mit Weinbeeren", antwortete sie mädchenhaft verlegen.

"Darf ich dich einladen? Du würdest mir echt eine Freude machen! Ich mag dich irgendwo." Er legte seinen Arm auf ihre Stuhllehne und sah ihr geradewegs in die Augen. Gabi wurde glutrot.

"Du?", fragte Judith Füerbier wenige Augenblicke später argwöhnisch vom Beifahrersitz des Achtzylinders herüber. "Was war denn? Warum ist Eva denn eben so ausgeflippt und hat dich rausgeworfen?"

Bernd C. Füerbier schaltete in den zweiten Gang herunter. "Ach! Ich denke mal, das war ein totales Missverständnis von ihr. Gabis Ich-Botschaften waren so stark rübergekommen, und da hab' ich halt versucht, meine Du-Botschaften rüberzubringen. Das wird man ja wohl noch dürfen. Oder?"

Judith Füerbier starrte nachdenklich auf die funkelnden Regentropfen, die an der Scheibe ihrer Tür in zitternder Bahn herabglitten.

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