Die blaue Blume der Romantik

Ursprung, Quelle, Text, Hintergrund, Interpretation
Inhaltsübersicht




1. Bezug zu Eichendorffs Gedicht "Die blaue Blume"

Joseph von Eichendorff schrieb im Jahre 1818 in seinem bekannten Gedicht "Die blaue Blume" sehnsuchtsvoll: "Ich suche die blaue Blume, / Ich suche und finde sie nie, / Mir träumt, dass in der Blume / Mein gutes Glück mir blüh" und offenbarte darin eine realitätsferne Hoffnung auf einen Zustand eines besonderen, nämlich des guten Glücks (s. dazu unten Ziff. 3). Dieses schwärmerische Gedicht bezieht sich auf einen Abschnitt des Romanfragments "Heinrich von Ofterdingen", das Friedrich von Hardenberg unter dem Pseudonym "Novalis" im Jahre 1800 beendet hatte.


2. Literarische Quelle der "blauen Blume der Romantik"

In den nachfolgend gezielt ausgewählten Auszügen aus dem Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen" (Fertigstellung 1800, Erstveröffentlichung 1802) findet sich der Ursprung der "blauen Blume" Friedrich von Hardenbergs (Novalis'). Es sind hier nur jene Textstellen wiedergegeben, in denen das Motiv der "blauen Blume" im Mittelpunkt steht; Auslassungen sind gekennzeichnet (Wiedergabe in aktueller Rechtschreibung).



Novalis, Heinrich von Ofterdingen
(Auszüge)

Erster Teil

Die Erwartung

Erstes Kapitel

*
Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. »Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben«, sagte er zu sich selbst; »fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken. So ist mir noch nie zumute gewesen: es ist, als hätt ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab' ich damals nie gehört. Wo eigentlich nur der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen gesehn; doch weiß ich nicht, warum nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin; die andern haben ja das nämliche gehört, und keinem ist so etwas begegnet. [...] Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen Phantasien und entschlummerte. Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; [...] neue, nie gesehene Bilder entstanden, die auch ineinanderflossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden [...].

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewusst, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloss. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stängel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete. Er war zu entzückt, um unwillig über diese Störung zu sein; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich guten Morgen und erwiderte ihre herzliche Umarmung.

[...]
*

Gegen Ende des 6. Kapitels wird die Erscheinung der blauen Blume erneut aufgegriffen:

*
Es war tief in der Nacht, als die Gesellschaft auseinanderging. »Das erste und einzige Fest meines Lebens«, sagte Heinrich zu sich selbst, als er allein war und seine Mutter sich ermüdet zur Ruhe gelegt hatte. »Ist mir nicht zumute wie in jenem Traume beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht, und nun erinnere ich mich auch, es in jenem Buche gesehn zu haben. Aber warum hat es dort mein Herz nicht so bewegt? O! sie ist der sichtbare Geist des Gesanges, eine würdige Tochter ihres Vaters. Sie wird mich in Musik auflösen. Sie wird meine innerste Seele, die Hüterin meines heiligen Feuers sein. Welche Ewigkeit von Treue fühle ich in mir! Ich ward nur geboren, um sie zu verehren, um ihr ewig zu dienen, um sie zu denken und zu empfinden. Gehört nicht ein eigenes ungeteiltes Dasein zu ihrer Anschauung und Anbetung? Und bin ich der Glückliche, dessen Wesen das Echo, der Spiegel des ihrigen sein darf? Es war kein Zufall, dass ich sie am Ende meiner Reise sah, dass ein seliges Fest den höchsten Augenblick meines Lebens umgab. Es konnte nicht anders sein; macht ihre Gegenwart nicht alles festlich?«

[...]
*


3. Die "blaue Blume" als Sinnbild für das "gute Glück" (Ansätze zu einer Interpretation)

Die "blaue Blume" wird oft als Symbol der Liebe interpretiert, häufig auch als Symbol der Sehnsucht (an sich) oder der Unendlichkeit.

Weder aus Eichendorffs Gedicht "Die blaue Blume" noch aus Friedrich von Hardenbergs Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen" lassen sich die beiden letztgenannten Deutungen herauslesen.  Eichendorff sagt aber, wofür die "blaue Blume" steht, nämlich für das "gute Glück". Mit diesem kulturhistorisch gewachsenen Begriff, der uns heute als ein Pleonasmus erscheint, ist ein fortdauernder Lebenszustand in Glück und Zufriedenheit gemeint. Das Gegenteil dazu stellte das "böse Glück" dar (ähnlich dem englischen "good luck" und "bad luck"). Das Wort "Glück" steht hier also im Sinne von "Schicksal".

In "Heinrich von Ofterdingen" steht die blaue Blume für einen Zustand des Glücks infolge einer überwältigenden synästhetischen Wahrnehmung, d. h. einer Wahrnehmung, bei der alle Sinne ineinander verschmolzen sind (s. die o. a. Textauszüge).

Zu diesem Zustand des unfassbaren Glücks gehört in der Tat auch die Liebe. Der Text offenbart jedoch in dem o. a. Auszug aus dem 6. Kapitel, was von Hardenberg ("Novalis") unter einer solchen beglückenden Liebe versteht: einen mythisch-religiösen, gänzlich unerotischen Zustand, gerichtet auf eine überwirkliche Person, hier in Gestalt der Mathilde. Ihr gehörte das "zarte Gesicht", welches in der Blüte schwebte (s. o. den Traum im ersten Kapitel). Es war "himmlisch". Mathilde sei "der sichtbare Geist des Gesanges". Sie werde ihn (Heinrich) "in Musik auflösen" und seine "innerste Seele" werden. Besonders deutlich kennzeichnen dann die weiteren mythisch-religiös gefärbten Gedanken die geradezu surreale Verklärung der unerotischen Liebe: Mathilde werde "die Hüterin seines" (Heinrichs) "heiligen Feuers sein" (ein rein mythologischer Begriff), und er sei nur dazu geboren, "sie zu verehren", "ihr ewig zu dienen", sie anzuschauen und anzubeten. Er sei der "Glückliche", "Echo" und "Spiegel des ihrigen" zu sein.

Parallelen zu christlichen Darstellungen biblischer Frauenfiguren sind unverkennbar und möglicherweise auf die streng religiöse Erziehung Friedrich von Hardenbergs zurückzuführen.



4. Ergänzende Informationen zur "blauen Blume"

Die zusammenhängenden Schilderungen Novalis' von realitätsüberschreitenden vielschichtigen Sinneswahrnehmungen erinnern an Erfahrungsberichte von Personen nach der Einnahme von Halluzinogenen. Novalis (eigtl. Friedrich von Hardenberg, s. u. 4.) soll, so wird berichtet, als junger Mann im Jahre 1798 in Weimar Erfahrungen mit einer blau bis violett blühenden Pflanze aus der Familie der Lippenblütengewächse gemacht haben, die seit der Antike als Heilpflanze und Aphrodisiakum bekannt war. Ihren ätherischen Ölen werden überdies bewusstseinserweiternde und bei hoher Dosierung berauschende und beglückende Wirkungen zugeschrieben.


5. Wichtige Lebensdaten des Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (Novalis)

-  Geboren am 2.5.1772 in Oberwiederstedt (Grafschaft Mansfeld im heutigen Sachsen-
Anhalt)
-  Aufgewachsen in pietistischem Elternhaus, zehn Geschwister
-  Gymnasium in Eisleben
-  Juristisches Studium in Leipzig, Jena, Wittenberg (1790−1794); in Jena Bekanntschaft
mit Schiller
-  Mit 23 Jahren (1795) Verlobung mit der erst zwölfjährigen (!) Sophie von Kühn
(verstarb 1797)
-  1797−1799 naturwissenschaftliches Studium an der Bergakademie Freiberg
(Sachsen)
-  Verwendung des Pseudonyms "Novalis" nach einem alten Zweig der Familie (1798)
-  Zweite Verlobung 1798, diesmal mit Julie von Charpentier (1776−1811)
-  Salinenassessor in Weißenfels (Sachsen-Anhalt, 1799)
-  Persönliche Begegnungen mit Schlegel, Tieck, Jean Paul, Schiller, Goethe (1797 bis
1799)
-  Arbeit an dem Roman "Heinrich von Ofterdingen" 1799−1800; 1. Teil fertiggestellt im
Frühjahr 1800
-  Gestorben am 25.3.1801 (noch keine 29 Jahre alt) in Weißenfels (Lungenkrankheit)



Ernesto Handmann
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