Ernesto Handmann
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Wer war Genosse Hölderlin?

"Wahnsinn, Reinhart! Er ist da!" Selig nahm die blonde Lehrerin Brigitte einen sehnlichst erwarteten Gast in Empfang. In der Tür stand, flankiert von Bernd C. Füerbier und dessen Frau Judith sowie von Bernd C. Füerbiers Bruder Rolf, ein dunkelhäutiger Afrikaner. "Frieden!", hauchte die blonde Lehrerin errötend. Ihr Lächeln verriet höchste Glückseligkeit.

Als der afrikanische Stargast Brigittes Wohnatelier betrat, brandete schriller Jubel auf. Bärbel und Hartmut fielen sich begeistert in die Arme. Reinhart vollführte Freudensprünge. Unbeeindruckt machte Rolf Füerbier, der seit seinem langjährigen Afrikaaufenthalt psychisch kranke Bruder Bernd C. Füerbiers, die Anwesenden mit seinem Freund Doktor Njiemoun bekannt. Doktor Njiemoun sei Arzt und habe seinerzeit in Köln studiert.

"Ich denke, Herr Njiemoun, es ist halt irgendwo wahnsinnig schade, dass sie neulich nicht auf unserem multinationalen Schnupperabend sein konnten", sagte Brigitte.

"Genau!", bekräftigte Reinhart, ihr Mann. "Das wäre wahnsinnig grandios gewesen. Ein afrikanischer Mediziner auf unserem multinationalen Abend! Ein multikultureller Höhepunkt ohnegleichen!"

Brigitte sog hastig an ihrer Zigarette. Ihr Gesicht leuchtete glutrot, als sie ihre Gäste bat, Platz zu nehmen. Während Doktor Njiemoun und Rolf Füerbier noch irritiert nach einem Sessel fahndeten, bot Reinhart den beiden bereits eines der acht Sofakissen an, die in einem großen Kreis auf dem Fußboden drapiert waren. Ächzend ließen sich die Neuankömmlinge nieder. Eine schwarze Teekanne auf einem Stövchen aus blankem Messing thronte im Zentrum, drum herum standen einige Teetassen. Das sei aber wirklich einmal etwas ganz Originelles, so auf dem Fußboden zu lagern und die Welt aus der Maulwurfsperspektive zu betrachten, sagte Doktor Njiemoun. Dieses Kompliment ließ Brigittes Gesichtsfarbe ins Pavianrote hinüberwechseln. "Danke!", flüsterte sie. "Ich denke, es freut mich, dass es Ihnen bei uns ein Stück weit gefällt."

Mit Interesse schaute Doktor Njiemoun sich in dem Wohnatelier der Lehrerin Brigitte und ihres Mannes, des Rechtsanwalts Reinhart, um. "Es ist doch merkwürdig, wie die Erinnerung alles verklärt", bekannte er. "Mir schien Deutschland einmal viel deutscher."

So viel geballte Anerkennung auf einmal aus so kompetentem Munde brachte Brigitte vollends aus dem Gleichgewicht. Sie vergaß vollkommen, an ihrer glimmenden Zigarette zu saugen. "Ich denke, das kommt, weil wir wollen halt in dieser erstarrten Republik ein Stück multinationaler Gesellschaft verwirklichen", erklärte sie aufgeregt. Ihre Gesichtsfarbe changierte bereits ins Violette. "Ich denke, wir müssen eh in diesem neuen Deutschland ein Stück weg von der alten bürgerlichen Kultur und ein Stück weit hin zur multinationalen Multikultur, weil die multinationale Gesellschaft gehört halt zu unserer Vision von einer besseren, friedlichen Welt ohne Armut und Repression."

Bernd C. Füerbier bemerkte, dass Doktor Njiemoun Brigittes Erklärungen anscheinend nicht recht folgen konnte, und mahnte sie, langsamer zu sprechen, weil Doktor Njiemoun offensichtlich nicht so gut Deutsch verstehe. Brigitte entschuldigte sich sofort für ihren Übereifer. Genüsslich füllte die blonde Lehrerin ihre Bronchien mit dem schwarzen Qualm ihrer amerikanischen Zigarette. Sie hatte wieder zu sich gefunden. Langsam und betont sprach sie weiter. "Weil die Bürgerinnen und Bürger dieses neuen Deutschlands müssen halt irgendwo endlich ein Stück weit einsehen, dass sie von den Kulturen unserer multinationalen Mitbürgerinnen und Mitbürger halt irgendwo wahnsinnig viel lernen können."

"Gewiss! Aber soweit ich mich erinnern kann, hatten die Deutschen zu meiner Studentenzeit vor fünfundzwanzig Jahren noch eine hochentwickelte Kultur", entgegnete der afrikanische Teilnehmer des multinationalen Gesprächskreises in fließendem Deutsch. Auch seine französischen Freunde schätzten Dürer, Bach und Hölderlin, Heckel, Brecht und Britting. Und Goethe und Heinrich Heine verehre er persönlich ganz besonders. Wenn er Zeit habe, lese er noch heute gerne Gedichte von Goethe.

Bärbel sah Doktor Njiemoun ungläubig an. "Das ist ja echt Wahnsinn!", staunte sie. "Was Sie alles für Leute kennen! Echt super!"

Und auch Reinhart kam aus dem Staunen nicht heraus. Natürlich kenne er auch den Musiker Bach, sagte er, und Dürers betende Hände hingen als Gipsabdruck sogar neben dem Bett seiner Mutter. Auch sei ihm natürlich Heinrich Heine als ehemaliger Bundespräsident genauso ein Begriff wie Brecht, der Komponist, der so bettelarm gewesen sei, dass er seine Opern für ein paar Groschen habe verschleudern müssen. Selbstverständlich erinnere er auch Goethe bestens aus seiner Schulzeit, in der er seinen Roman "Minna von Barnhelm" gelesen habe. "Aber Hölderlin?", rätselte er. "War das vielleicht auch so ein toller sozialistischer Liedermacher aus dem früheren Ost-Berlin, der vor Jahren mal zwangsweise aus der Ex-DDR ausgebürgert worden war?"

"Der hieß Hermelin oder so ähnlich!", korrigierte Brigitte ihn spontan.

"Und Heckel und Britting?" Bärbel zuckte ratlos mit den Achseln. "Nie gehört! Echt! Muss frau so was kennen?" Diese Typen seien ihr noch nie über den Weg gelaufen. Dabei habe sie sich früher in der Stadtbücherei immer Bücher ausgeliehen, gute Bücher natürlich, und auch heute lese sie gerne ein gutes Buch, wenn sie einmal viel Zeit habe, am liebsten die neue Frauenliteratur, die so wundervoll kämpferisch die Unterdrückung der Frau anklage. Da begeisterten sie besonders süd- und nordamerikanische Autorinnen. Die könnten so wahnsinnig gefühlvoll schreiben. Aber Hölderlin? Ermutigt durch Reinharts von biernassen Lippen hervorgegrunzte Unterstützung, redete Bärbel selbstsicher weiter. Da halte sie es doch lieber mit der neuen multinationalen Gesellschaft, weil die sei mega-in und supermodern. Und die sei auch wahnsinnig praktisch, weil es keine Namen gebe, die frau sich merken müsse.

Reinhart deutete auf das Bücherregal im Hintergrund, auf dem neben Mitscherlich, Grass, Agatha Christie und Stephen King auch berühmte Werke der renommierten Naturwissenschaftler Titus A. Drescher, Erich von Döneken und Peter Auster lehnten. "Als Jurist lese ich natürlich auch gerne ein gutes Buch, wie man sieht", warf er sich in die Brust, "vor allem im Flugzeug oder am Strand. Aber ich denke mal, man muss doch immer darauf achten, dass Literatur, Wissenschaft und Kunst uns irgendwo multikulturell und multisozial weiterbringen."

Bernd C. Füerbier sah, dass Doktor Njiemoun unruhig wurde. "Herr Doktor Njiemoun, möchten Sie etwas?", erkundigte er sich mit lauter Stimme.

"Ja, möchten Sie vielleicht noch ein Stück weit von unserem russischen Tee? Oder lieber ein Glas von unserem algerischen Rotwein? Oder halt ein Stück von dem englischen Gebäck?" Brigitte hielt ihm eine Schale mit Keksen hin.

Hilfsbereit ergriff Bernd C. Füerbier die Porzellanschale, um sie an Doktor Njiemoun weiterzureichen. Zufällig fiel sein Blick dabei auf seinen Bruder. "Mein Gott, Rolf!", rief er erschrocken. "Was ist mit dir?"

Käsebleich war Rolf Füerbier auf seinem Kissen in sich zusammengesackt. Schweißtropfen auf der Stirn, zeigte er keinerlei Reaktionen mehr. Doktor Njiemoun fühlte den Puls. Sein Freund zeige alle Symptome eines schweren Schocks, konstatierte er.

"Ein Schock?", fragte Bernd C. Füerbier ungläubig. "Wodurch sollte der wohl ausgelöst worden sein? Kann es nicht irgendwo ein plötzlicher Ausbruch des Afrikasyndroms sein?"

Doch Doktor Njiemoun beharrte auf seiner Diagnose. Es handele sich zweifelsfrei um einen Schock. Rolf Füerbier habe eindeutig einen Kulturschock erlitten, und zwar einen schweren Multikulturschock.

"Der Ärmste!", entfuhr es Brigitte, und Bärbel schlug tief berührt die Hände vors Gesicht. Judith Füerbier kreischte entsetzt auf.

"Wahnsinn!", murmelte Bernd C. Füerbier betroffen. "Es ist einfach schrecklich! Rolf ist für diese Gesellschaft unrettbar verloren."

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