Ernesto Handmann
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Action, Aids und Antilopen

"Irgendwo total gewaltig! Guck dir mal diesen Elefantenbullen an!"

"Super, du! Und dieser tolle Pool! Guck mal hier, du! Mit Bar!"

Die Hochglanzfotos im Katalog "Lockendes Afrika", der auf dem Tresen des Reisebüros lag, hatten Bernd C. und Judith Füerbier in ihren Bann gezogen.

"Du! Und die Palmen am Strand! Ist das nicht Wahnsinn?"

Bernd C. Füerbiers Augen hafteten jedoch an einem kahlköpfigen Massai-Mädchen, dessen nackter Oberkörper über und über mit breiten bunten Ringen geschmückt war, die aus unendlich vielen kleinen aufgereihten Perlen gefertigt waren.

"Was kann ich für Sie tun?", riss eine Angestellte des Reisebüros ihn aus seinen exotischen Träumen.

"Wir wollen mal nach Ostafrika. Ich denke mal, Kenia wäre gut."

"Traumhaft!", jubilierte die Frau hinter dem Tresen sogleich. "Wir verkaufen Ostafrika riesig viel. Ich denke, Kenia ist einfach super! Wann soll's denn losgehen? Sofort? Oder über die Weihnachtsfeiertage? Ab Mitte Januar haben wir übrigens besonders günstige Angebote."

"Wie sind denn dort die Temperaturen im Januar?"

"Super! Von Januar bis März haben Sie in Ostafrika eine Schönwettergarantie. Tagsüber herrschen neununddreißig Grad, und das Wasser ist achtundzwanzig Grad warm. Gerade wenn wir hier in Eis und Schnee erstarren, haben Sie in Kenia Temperaturen zum Träumen. Man wird Sie beneiden."

Judith Füerbier strahlte.

"Wie lange soll's denn sein?"

"Vierzehn Tage", antwortete Bernd C. Füerbier.

"Die Aufenthaltsdauer in Kenia ist wichtig für die Länge der Safaris", setzte die Angestellte ihren Gedanken fort. "Wir können Ihnen Safaris zwischen einem und acht Tagen anbieten, per Geländebus oder per Flugzeug. Alle Safaris sind selbstverständlich mit Ereignisgarantie."

"Ich denke mal, ein bisschen Action darf's schon sein."

Die Frau zog einen Prospekt unter dem Tresen hervor und breitete ihn vor Bernd C. Füerbier aus. "Schauen Sie. Bei den Kurzsafaris geht es mit dem Minibus in den Tsavo-Nationalpark. Mit Löwen- und Elefantengarantie."

"Ist das denn nicht irgendwo ein Stück weit gefährlich - die ganzen Löwen und wilden Tiere?", ängstigte sich Judith Füerbier.

"Das Verlassen der Fahrzeuge ist streng verboten. Und in einem der zwei bis dreihundert Minibusse, die sich gemeinsam mit Ihnen auf Pirschfahrt durch die afrikanische Einsamkeit begeben, ist immer ein Notkoffer mit Verbandmaterial vorhanden. Natürlich bieten wir in allen Fahrzeugen eine Verständigungsgarantie: Alle Fahrer sprechen gut Englisch."

"Englisch?" Judith Füerbier senkte verlegen den Blick. "Und wenn halt so ein Auto mal eine Panne hat und lauter Löwen drum herum lauern?"

"Die Löwen sind an die Touristen gewöhnt und ganz zutraulich. Deshalb ist das Füttern der Tiere auch verboten. Gelegentlich ereignen sich allerdings Angriffe durch nervöse Nashornbullen. Bei schweren Verletzungen schützt Sie aber selbstverständlich unsere Flying-Doctor-Garantie. Die Hilfsflugzeuge können bereits innerhalb von zwei bis drei Tagen am Einsatzort sein. Wir empfehlen dennoch bei der Safaribuchung die Beachtung unserer günstigen Lebensversicherungsangebote."

"Und die Hitze in den Autos?", zeigte sich Judith Füerbier nach wie vor skeptisch.

"In jedem Fahrzeug befindet sich eine Notration mit abgekochtem Trinkwasser, falls Sie einen Hitzschlag erleiden. Sollten Ihnen die Bussafaris jedoch zu urwüchsig sein, empfehle ich Ihnen eine Flugsafari. Sie landen mitten in der Wildnis und ersparen sich stundenlange Anfahrtswege mit dem Auto. Alle Flugsafaris sind natürlich mit Fensterplatz- und Videogarantie."

Sie zog einen Prospekt aus einem der neben ihr aufgebauten Ständer heraus. Als sie ihrer Kundschaft die bunten Bilder von Akazien, Giraffen, Löwen und Antilopen vorlegte, bemerkte sie den sorgenvollen Blick Judith Füerbiers.

"Selbstverständlich sind alle Flüge mit Sicherheitsgarantie. Die Maschinen werden nur von ausgesuchten englischen Piloten geflogen, die jahrelange Erfahrungen im Umgang mit Bruchlandungen und Treibstoffmangel haben. Außerdem absolvieren diese Männer wegen der zunehmenden Überfälle durch Wildererbanden alle fünf Jahre ein Überlebenstraining und einen Lehrgang in Selbstverteidigung. Trotzdem sollten Sie sich bei einer Flugsafari mit einem langen, stabilen Messer ausrüsten. Im Übrigen ist eine Suchkostenversicherung im Preis eingeschlossen. Es besteht also kein Grund zur Beunruhigung."

Bernd C. Füerbier nickte zufrieden. "Und bekommt man auch Großwild zu sehen?", fragte er die fachkundige Beraterin.

Sie zog einen neuen Prospekt unter dem Tresen hervor. "Da empfehle ich Ihnen die Drei-Tage-Flugsafari in das Masai-Mara-Reservat mit der 'Großen-Fünf-Garantie': Büffel, Löwen, Leoparden, Nashorn, Elefanten. In den Wintermonaten können Sie dort mit etwas Glück sogar unseren heimischen Storch erleben! Einfach super! Besonders zu empfehlen ist aber auch der Amboseli-Nationalpark." Sie zückte einen weiteren Prospekt. "Mit Großwild- und Massaigarantie. Ich muss Sie jedoch auf eine besondere Gefahr hinweisen: Sie dürfen alles fotografieren - Löwen, Leoparden, Hyänen - nur die Massai nicht, weil die halt sehr aggressiv sind."

"Ich denke, wir müssen uns das noch durch den Kopf gehen lassen, welche Safari wir nehmen", bat Bernd C. Füerbier um Bedenkzeit.

"Dann kann ich Ihnen schon einmal die Hotels zeigen." Die Frau entfernte sich vom Tresen, machte sich an einem Regal im Hintergrund zu schaffen und kehrte mit einem turmhohen Stapel neuer Kataloge zurück. "Ich empfehle Ihnen eines der Bungalowhotels am Golden-Sand-Beach oder am Silver-Beach. Wie Sie hier sehen können, wohnen Sie dort in zauberhaften Rundbungalows im Afrikalook."

Beim Anblick der Hochglanzfotos von den kralähnlichen Hotelanlagen brach Judith Füerbier in spitze Begeisterungsschreie aus.

"Selbstverständlich sind alle Hotels mit Luxusgarantie: Deluxe-Rooms, Aircondition, Room-Bar, Lobsteria, Beachcomber-Brasserie, Cocktail-Lounge, Poolbar, Beach-Barbecue, Fitnesscenter, Windsurfing, Night-Tennis, Animationsszenario und so weiter."

"Und der Service?", erkundigte sich Bernd C. Füerbier.

"Super! Natürlich ist das Personal nicht in Europa geschult worden, aber das wird durch die außerordentliche Freundlichkeit der Angestellten wieder wettgemacht. Und sollte es Ihnen einmal zu lange dauern, bis die Dusche repariert ist oder die Getränke gebracht werden, verdoppeln Sie halt einfach das Trinkgeld."

"Sind die Zimmer denn sauber?", sorgte Judith Füerbier sich.

"Alle Räume sind selbstverständlich mit Reinigungsgarantie. Dennoch empfehle ich Ihnen, ein Insektenspray und ein Desinfektionsmittel mitzunehmen. Sie brauchen sich überhaupt keine Sorgen zu machen! Auch die Pools werden regelmäßig alle vierzehn Tage entleert und mit frischem Wasser versehen, sofern die Pumpen genügend elektrischen Strom erhalten. Aber ich denke mal, wer den Indischen Ozean vor der Tür hat, wird den Pool ja nicht so oft benutzen." Sie lächelte freundlich.

"Wie sieht es denn in Kenia mit Krankheiten aus?", fragte Bernd C. Füerbier. "Da muss man wohl sehr aufpassen?"

"Gegen Krankheiten haben wir unsere Immunitätsgarantie! Wir vermitteln Ihnen Impfungen und Prophylaxeprogramme gegen Cholera, Typhus, Gelbfieber, Ruhr, Masern, Pocken, Meningitis, Gelbsucht, Diarrhöe, Sudor pedis, Malaria, Myxomatose, Hepatitis, Paratyphus und Polio. Bilharziose ist ja zum Glück fast kein Thema mehr, und wie Sie sich gegen Aids schützen, wissen Sie ja selber. Auch gegen Tollwut gibt es heutzutage in Nairobi und Mombasa hervorragende Impfstoffe, sofern sie vorrätig sind. Am besten, Sie nehmen nur alkoholische Getränke zu sich, essen nur abgekochte Nahrung und gehen streunenden Hunden aus dem Wege."

"Und wenn wir doch krank werden?"

Die Angestellte des Reisebüros nahm eine dicke Broschüre zur Hand und legte sie triumphierend vor Judith Füerbier auf den Tresen. "Da wird unsere Überführungsgarantie wirksam! Ich denke, ich kann Sie also auch für den Fall einer Erkrankung vollkommen beruhigen. In unseren allgemeinen Reisebedingungen garantieren wir Ihnen schriftlich die Rückführung Ihrer sterblichen Überreste nach Deutschland."

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