Ernesto Handmann
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Ein Fall für Schwester Elke

"Schwester, bei meinem Bruder ist gnadenlose Vorsicht geboten!" Noch in der Diele seines Einfamilienhauses warnte Bernd C. Füerbier Schwester Elke eindringlich vor der außerordentlichen Gefährlichkeit seines Bruders. "Seit seiner Rückkehr von einem mehrjährigen Aufenthalt in Afrika ist er total unberechenbar."

Die Krankenschwester runzelte beunruhigt die Stirn.

"Nun, ich denke -. Also, wissen Sie, Schwester -". Unschlüssig druckste Bernd C. Füerbier herum.

Seine Frau machte ihm Mut. Man könne Rolf Füerbiers Zustand auf Dauer nicht verheimlichen. Einmal würde es doch herauskommen, was mit ihm sei. Und so rang sich Bernd C. Füerbier durch, Schwester Elke reinen Wein einzuschenken. Sein Bruder sei vom Virus Africanum cerebrosum befallen, beichtete er, dem Afrikavirus! Es handele sich sogar um einen besonders schweren Fall des Afrikasyndroms! Selbst die Fachärzte des Tropenkrankenhauses seien machtlos.

Schwester Elke schluckte. "Das Afrikasyndrom? Oh Gott!" Verängstigt blickte sie zur Haustür, erkannte jedoch angesichts der Sicherheitsschlösser und Stahlketten sogleich die Aussichtslosigkeit eines Fluchtversuchs. "Wie ist denn sein Zustand?", forschte sie nach. "Ist er geistig schon sehr verwirrt?"

Die Verwirrung sei total, bekannte Bernd C. Füerbier. Besonders gefährlich seien plötzlich auftretende Ausbrüche von abgrundtiefer Unzufriedenheit, die in unkontrollierten Wutanfällen kulminieren könnten. Verzweifelt trat Judith Füerbier einen Schritt vor und bat Schwester Elke inbrünstig um ihre Hilfe.

Diese nickte zögerlich. "Ist der Kranke festgeschnallt?"

"Er läuft frei im Wohnzimmer herum. Bislang war er noch nicht bösartig."

Entschlossen schaute Schwester Elke Bernd C. Füerbier in die Augen. "Also, dann wollen wir mal!", befahl sie.

Im Wohnzimmer setzte sie sich zielstrebig aufs Sofa, von wo aus sie ihren Patienten bestens im Visier hatte. Merkwürdig entspannt, fast apathisch, ruhte Rolf Füerbier in seinem Sessel. Lediglich das rastlose Flackern seiner Augen, deren Blick von einem Gesicht zum andern huschte, verriet Schwester Elke das ganze Ausmaß seiner enormen Geistesverwirrtheit.

"Rolf, schön, dass du nach all den Jahren endlich wieder zu Hause bist! Komm, trink noch ein schönes Glas Bier!" Behutsam versuchte Bernd C. Füerbier das Gemüt seines Bruders aufzuhellen. Mit weit ausgestrecktem Arm schenkte er kräftig nach. "Ich denke, die Zeit der Entbehrungen ist nun vorüber."

"Echt!", stimmte seine Frau ihm zu. "Irgendwo total grauenhaft diese wahnsinnige Not in der Welt."

"Ich denke, das liegt vor allem an der sozialen Ungerechtigkeit, der die Menschen in diesen Ländern ausgesetzt sind", erklärte Bernd C. Füerbier. "Sie müssen ihre Kinder ohne einen einzigen Pfennig Kindergeld aufziehen! Das ist doch total unmenschlich!"

"Was? Kein Kindergeld?", rief Schwester Elke fassungslos. "Und das lassen sich diese Leute einfach gefallen?"

"Kindergeld ist Verschwendung aus reinem Egoismus", opponierte Rolf Füerbier sofort. "Pure Massenkorruption."

Auf den Gesichtern der anderen stand blankes Entsetzen. Schwester Elke nahm die Position höchster Alarmbereitschaft ein.

"Sehen Sie?", wisperte Judith Füerbier der Krankenschwester ins Ohr. "Da ist es wieder, dieses krankhafte Nörgeln!"

"Man darf ihn nicht reizen", zischelte die Schwester zurück.

"Rolf!", stöhnte Bernd C. Füerbier beschwörend. "Kindergeld ist das Fundament unseres Staates! Der Kern der Menschenwürde! Kindergeld ist Menschenrecht!"

"Das kostet Milliarden!"

"Das bisschen Staatsverschuldung für unser Kindergeld ist doch gut angelegt", entgegnete Bernd C. Füerbier. "Die Kinder zahlen es doch später als Erwachsene samt Zinsen wieder zurück. Kindergeld ist eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft."

"Bloße Wahlgeschenke! Das Volk lässt sich schlicht von den Politikern kaufen."

Ungeachtet der drohenden Gefahr widersprach Bernd C. Füerbier seinem kranken Bruder schon wieder. Der ganze innere Friede in unserem Land basiere zweifellos auf dem Kindergeld. Kindergeld sei ein Bollwerk der sozialen Symmetrie, ein Garant für Frieden, Freiheit und Demokratie.

"Verleitung zum Parasitismus!"

Rolf Füerbiers erregter, glasiger Blick veranlasste Schwester Elke, sprungbereit auf die Sofakante vorzurutschen. "Aber Herr Füerbier, schauen Sie einmal!", flötete sie ihrem Patienten zu. "Sie kennen doch das Elend der afrikanischen Kinder, nicht wahr? Der Nachwuchs kostet nun einmal viel Geld. Man kann den Eltern doch nicht zumuten, dass sie ganz alleine für ihre Kinder aufkommen. Dazu ist doch der Staat da. Kinder sind ein Geschenk der Eltern an die Gesellschaft, und als klitzekleinen Dank gibt es ein bisschen Kindergeld und eine kleine Steuerentlastung."

Judith Füerbier staunte, was man mit einem bisschen Psychologie doch alles anrichten kann. Die Krankenschwester hob stolz den Kopf, ehe sie nun zum Höhepunkt ihrer therapeutischen Bemühungen kam. "Herr Füerbier", schmeichelte sie, "Sie wollen doch den sozial Schwachen gewiss nicht die Existenzgrundlage rauben? Kindergeld ist überlebenswichtig."

"Eine Droge!"

Nun war es passiert! Rolf Füerbier war trotz allen psychologischen Sachverstandes in völlige geistige Umnachtung gefallen.

"Rolf!", flehte Bernd C. Füerbier händeringend. "Denk an die soziale Gerechtigkeit! Die Menschenwürde! Die Freiheit Europas!"

"Entmündigung durch Wählerbestechung!", geiferte Rolf Füerbier. Absolute Hemmungslosigkeit hatte ihn ergriffen. "Würde der Staat seine Leistungen auf ein sozial notwendiges Maß reduzieren, könnten auch endlich die Steuern gesenkt werden. Es ist unerhört, wie tief dieser Staat uns jeden Monat in die Tasche langt."

Die anderen waren wie vor den Kopf geschlagen.

"Judith! Hast du das gehört?", flüsterte Bernd C. Füerbier am ganzen Leibe flatternd. "Unfasslich! Er beschwert sich über zu hohe Steuern! Mein Gott, ich danke dir!"

Dieser unerwartete Anflug von gesundem deutschen Sozialempfinden ließ Judith Füerbiers Herz schneller schlagen. Hoffnungsvoll wandte sie sich an Schwester Elke, ob dieses eindeutige Anzeichen von Vernunft die langersehnte Wende sei.

Die Antwort war niederschmetternd: Wer das Kindergeld infrage stelle, für den gebe es keine Hoffnung mehr.

Judith Füerbier schluchzte auf.

"Schau einmal, Rolf!", kümmerte sich Bernd C. Füerbier mit neu erwachter Zuversicht um den Schwerkranken. "Deutschland ist doch ein reiches Land. Da darf man gerade bei den Sozialausgaben nicht knausern."

"Und mit welchem Recht beziehen Ärzte Kindergeld?"

"Du brauchst dich nicht aufzuregen, mein Lieber." Geduldig ging Bernd C. Füerbier auf seinen Bruder ein, um ihm die Grundlagen und Perspektiven unseres Sozialstaates zu erklären. Unser Bildungssystem sei zwar noch lange nicht in allen Regionen der Republik sozial ausgewogen, vor allem im Süden nicht, doch sei es besonders in jenen alten Bundesländern, die fortschrittlich regiert würden, erstaunlich effektiv gewesen. Das habe allerdings in manchen Bereichen zu Überkapazitäten geführt, besonders in den akademischen Berufen, sodass wir heute z.B. eine Juristen- und Ärzteschwemme hätten. Manche Mediziner z.B. hätten hart ums eigene Überleben zu kämpfen. Aber unsere Sozialgesetzgebung sei trotz aller Ungerechtigkeiten, die es noch zu beseitigen gelte, schon recht fortschrittlich: Sie mache einfach jeden zum Sozialfall, ohne Ansehen der Person. Auch die Ärzte. Das gewährleiste, dass niemand durch die Maschen des sozialen Netzes falle.

Schwester Elke nickte Bernd C. Füerbier begeistert zu. Sie sei schließlich selber Mutter von drei Kindern, und so viel verdiene ihr Mann als Oberarzt im Krankenhaus nun auch wieder nicht.

Als Rolf Füerbier nun anfing, den Kopf zu schütteln, erstarrten seine Gesprächspartner. Ängstlich legte Judith Füerbier die Hand auf Schwester Elkes Arm, doch auch die zuckte bei dem neuen Anfall von Verwirrung, der sich bei ihrem Patienten ganz offensichtlich anbahnte, hilflos mit den Schultern. Und plötzlich hielt es den Kranken nicht mehr auf seinem Platz. Er sprang unvermittelt auf, stierte von einem zum andern und schüttelte dabei unentwegt den Kopf.

"Das ist ja gespenstisch!", entfuhr es Schwester Elke.

Josef, Bernd C. Füerbiers kleinen Dackel, hielt es nicht mehr in seiner Sofaecke. Hastig flüchtete er in die Diele. Rolf Füerbier jedoch schritt, ständig mit dem Kopfe wackelnd, stumm zum Hintereingang hinaus. Die anderen drei saßen wie gelähmt.

"Das ist ja total entsetzlich schauderhaft!", faselte Judith Füerbier bestürzt los. "Wie gut, dass sich das gefährliche Afrikavirus in unserem Klima nicht ausbreiten kann. Nicht, du? Das kann es hier doch nicht? Schwester Elke? Die Krankheit ist hier doch nicht ansteckend? Oder?" Judith Füerbier war vollkommen verstört.

Ihr Mann konnte sie beruhigen. "Nein, das ist eine reine Tropenkrankheit. Das Virus ist hier nicht lebensfähig. Das wäre sonst der Untergang unseres Staates, ja, ganz Europas! Die totale Katastrophe!" Er trank den letzten Rest seines Bieres aus. "Aber solange es noch keinen Impfstoff gegen diese furchtbare Krankheit gibt, müsste die Regierung deutschen Staatsbürgern längere Aufenthalte in Afrika einfach verbieten."

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