Ernesto Handmann
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Mitgeschöpfe mit Verstand

Die Turmuhr der großen Backsteinkirche schlug ein Mal.

"Schon Viertel nach acht und noch so viele freie Parkplätze", stellte Bernd C. Füerbier verwundert fest. Er verschloss seinen Achtzylinder und schlenderte gemächlich mit seiner Frau Judith unter den ausladenden Ästen der alten Linden hindurch zum kirchlichen Gemeindesaal hinüber.

"Sie wollen zum Gründungstreffen der Freunde unserer Mitgeschöpfe?", empfing sie ein freundlicher Mann zwischen vierzig und fünfzig mit einem kräftigen, leicht gestutzten Vollbart und großkariertem Oberhemd.

"Genau!", antwortete Bernd C. Füerbier. "Ich bin der Vorsitzende der Tierfreundinnen und Tierfreunde gegen Behördenwillkür und Steuerschikane. Ich denke, unser Justitiar wird auch gleich erscheinen."

"Und ich bin der Pastor dieser Gemeinde und gehöre dem Bündnis Schöpfung an." Er geleitete die beiden in den Saal, wo er sie stolz mit einem silbrigblonden asketischen Herrn bekanntmachte. Er sei der Schriftsteller Heimeran Knölge, ein Neffe jenes berühmten Gelehrten Dr. Knölge, der einst für seine vegetarische Überzeugung den Märtyrertod erlitten habe. "Knölge. Vegetarische Gemeinschaft, frumentarische Sektion" stand auf dem Pappschild vor seinem Schreibblock. In respektvollem Abstand setzten sich Bernd C. und Judith Füerbier neben diese Berühmtheit an die große, leere Tischrunde.

"Sie müssen Ihre Namensschilder selbst beschriften", sagte Herr Knölge.

Bernd C. Füerbier bedankte sich höflich für die Aufmerksamkeit und malte "Bernd C. Füerbier. Dipl.-Kaufmann" auf sein Pappschild und darunter "Tierfreundinnen und Tierfreunde gegen Behördenwillkür und Steuerschikane". Judith Füerbier setzte "Frau und Tierfreundin" hinter ihren Namen.

Gegen neun Uhr hatte sich der Gemeindesaal gefüllt, sodass der gastgebende Pastor die Sitzung eröffnen konnte. Gleich zu Beginn meldete sich die Gruppe "Frauen für die Tierinnen" zu Wort und beantragte den Ausschluss aller anwesenden Männer. Der Antrag wurde mit knapper Mehrheit abgelehnt.

Der Gastgeber setzte seine Einführung fort. "Meine lieben Tierfreunde!"

"Und Tierfreundinnen!", unterbrach ihn erbost eine Vertreterin der Psychoanimalistischen Vereinigung.

"Oh, Verzeihung!", entschuldigte sich der Pastor. "Meine lieben Tierfreunde und Tierfreundinnen!", begann er erneut und erläuterte dann, man habe sich zusammengefunden, um sich in der gemeinsamen Liebe zu den Mitgeschöpfen für deren Rechte und Interessen einzusetzen und zu diesem Zwecke alle Kräfte in einer einzigen Organisation zu sammeln. Heute wolle man also die einzelnen Gruppierungen vereinigen und sich auf ein gemeinsames Programm verständigen. "Ich denke", beschloss er seine kleine Einführung, "das wird uns keine Mühe bereiten."

Herr Knölge von der Vegetarischen Gemeinschaft, frumentarische Sektion, meldete sich zu Wort. "Ich schlage als Namen vor: 'Liga zur Gleichstellung der Tiere'."

"Sehr gut!", applaudierte die Vertreterin des Forums für die Würde der Tiere. "Damit machen wir deutlich, dass es uns um die Gewährung der Menschenrechte als Geschöpferechte für unsere Tiere geht. Allerdings sollten wir besser 'Forum' statt 'Liga' sagen."

"Union!", rief ein Mitglied der Union der Mitgeschöpfe dazwischen. "'Union zur Gleichstellung der Mitgeschöpfe' wäre am besten!"

Das Wort "Union" zog sofort lautes Protestgemurmel und empörte Zwischenrufe nach sich. Der Gastgeber, der unaufgefordert die Rolle des Diskussionsleiters übernommen hatte, entschloss sich daher, die Frage der Namensgebung in einem noch zu gründenden Ausschuss zu klären. Zunächst solle man sich um die Inhalte des Programms der neuen Vereinigung Gedanken machen.

"Wir von der Ökosozialen Aktion Asyl fordern die Einrichtung autonomer Tierhäuser und eine Tierbeauftragte in allen Parlamenten", postulierte eine junge Frau mit kurzen tomatenroten Haaren.

"An oberster Stelle muss ja wohl die Ersetzung der Begriffe "Menschenrechte" und "Menschenwürde" durch "Geschöpferechte" und "Geschöpfewürde" stehen. Denn die Gewährung der Geschöpferechte für alle Mitgeschöpfe muss unser oberstes Ziel sein", belehrte sie die Vertreterin des Forums für die Würde der Tiere. "Auf der Basis der Geschöpfewürde für die Tiere können wir dann weitere Programmpunkte festlegen."

"Wir verlangen vor allem das Wahlrecht für die Tierinnen, gekoppelt an eine Quotenregelung bei der Mandats- und Ämtervergabe!", forderten die Frauen für die Tierinnen energisch.

In die erneut aufflackernde Unruhe hinein bat der Diskussionsleiter um Aufmerksamkeit für die Psychoanimalistische Vereinigung. Deren Vertreter stellte sich als Priester und Psychiater vor.

"Während meines langjährigen Indienaufenthaltes habe ich die Erkenntnis gewonnen", berichtete er schüchtern, "dass sich die Menschenrechte für Bruder Tier bei uns..."

"Und Schwester Tier, bitte!", tadelte ihn seine Gruppengenossin.

Mit treuem Hundeblick entschuldigte sich der fromme Indienfahrer für seine Nachlässigkeit. "Bei uns lassen sich also die Menschenrechte für Bruder und Schwester Tier nur verwirklichen, wenn wir eine neue Gesellschaft schaffen."

"Bravo!", jubelte die junge Tomatenrote von der Ökosozialen Aktion Asyl lauthals. "Wir fordern schon lange die Fortentwicklung der multikulturellen und multinationalen Gesellschaft hin zu einer multikreatürlichen Gesellschaft."

Bernd C. Füerbier beugte sich nervös zu seinem Freund, dem Rechtsanwalt Reinhart, hinüber, der neben ihm saß. Ihre Forderungen nach Aufhebung der Hundesteuer und einer Mahnwache mit Kerzen auf der Rathaustreppe an jedem Montagabend durften auf keinen Fall untergehen.

"Ich denke", fuhr der Priester mit monotoner Stimme fort, "nach indischem Beispiel müssen wir also gemeinsam mit Bruder Tier," mit rotentflammtem Kopf korrigierte er sich sofort, noch ehe der Zorn seiner Mitstreiterin ihn ereilte "ich meine natürlich mit den Geschwistern Tier müssen wir eine neue Gesellschaft mit einer neuen Ethik und einer neuen Kultur erschaffen. Ich denke, dieses Ziel sollte an den Anfang unseres Programms gestellt werden."

Der angeschnittene philosophische Aspekt des Gesprächs schien Herrn Heimeran Knölge besonders zu interessieren. "Dazu gehört aber auch die Erkenntnis", ergänzte er, "dass der Mensch ein Säugetier ist, das als ethisch verantwortliches Wesen darauf verzichten muss, seine Mitgeschöpfe zu töten und in einem Akt des Kannibalismus aufzuessen."

Die Vertreterin der Psychoanimalistischen Vereinigung, auf deren Pappschild "Ärztin und Psychotherapeutin" stand, fuchtelte empört mit den Armen herum. "So geht es aber nun doch nicht, Herr Knölge!", widersprach sie. "Ich bin es leid, mich ständig von Biologisten beleidigen zu lassen! Wir müssen endlich weg von der beleidigenden biologistischen These, der Mensch sei ein Säugetier. Ich jedenfalls bin ein Mensch mit Vernunft und Verstand und kein Tier. Bitte merken Sie sich das!"

Der Diskussionsleiter hielt diesen Punkt für so bedeutend, dass er darüber eine Abstimmung herbeiführte. Die Versammlung beschloss gegen die Stimme von Herrn Knölge, dass der Mensch ein Mensch sei und kein Tier, da er kraft seiner Millionen Neuronen und Synapsen zweifellos Vernunft besitze und strenglogisch denken könne.

Kopfschüttelnd stand Herr Knölge auf und verließ unter heftigem Protest den Saal.

"Ich denke, was wir dringend brauchen, sind konkrete Maßnahmen", ergriff nun der Vertreter der Union der Mitgeschöpfe das Wort.

Bernd C. Füerbier klopfte zum Zeichen der Zustimmung auf den Tisch. "Richtig!", erhob er seine kräftige Stimme. "Wir von den Tierfreundinnen und Tierfreunden gegen Behördenwillkür und Steuerschikane verlangen daher auch ein Verbot der Kopfsteuer für unsere Hunde und andere Tiere."

"Unbedingt einverstanden!", pflichtete ihm der Unionsvertreter bei. "Ganz unbedingt! Unser Forderungskatalog lautet darüber hinaus: Sofortiges Verbot aller Tierversuche, Verbot des Handels mit Lederwaren und Pelzen, Schließung aller Schlachthöfe sowie ein striktes Verbot des Verzehrs und Verkaufs von lebendem oder totem Tierfleisch jeder Art."

Heftiger Beifall brandete auf, in den eine Vertreterin der Frauen für die Tierinnen hineinrief: "Aber das Schlachtverbot darf nur für weibliche Tiere gelten!"

Der Gesprächsleiter unterbrach die Diskussion, um darüber abstimmen zu lassen, welche der genannten Punkte in das Programm aufgenommen werden sollten. Sofort beantragten die Frauen für die Tierinnen, dass nur Frauen Stimmrecht haben sollten.

Der Diskussionsleiter hielt den Antrag irrigerweise für einen Scherz und verweigerte die Abstimmung. Die Frauen für die Tierinnen verließen daraufhin unter schrillem Protest die Versammlung.

Die Stimmung hatte sich merklich aufgeheizt.

"Puh! Echt schwül hier", stöhnte Bernd C. Füerbier.

"Echt, du!", bestätigte seine Frau. "Obwohl - die Fenster sind auf."

Die durch die Erregung der Diskutanten verursachten Ausdünstungen hatten Mücken angelockt. Eines dieser zarten Tierchen hatte sich auf Bernd C. Füerbiers linkem Arm niedergelassen und labte sich an seinem Blut. Mit lautem Klatschen schlug er das Insekt tot.

"Mörder!", gellte eine Frauenstimme durch den Saal.

Aller Augen waren plötzlich auf Bernd C. Füerbier gerichtet. In dem großen, schwülen Raum herrschte eisiges Schweigen. Man hörte nur das hohe Sirren der zahllosen Mücken, die sich inzwischen durch die geöffneten Fenster gierig unter die Gemeinschaft der Freunde der Mitgeschöpfe gemischt hatten.

"Ich beantrage den Ausschluss der Tierfreundinnen und Tierfreunde gegen Behördenwillkür und Steuerschikane", rief die Vertreterin des Forums für die Würde der Tiere nach einer angemessenen Weile der allgemeinen Betroffenheit und stillen Empörung. "Wir können keine Mörder in unseren Reihen dulden."

Der Rechtsanwalt Reinhart ergriff sogleich das Wort. Bei der Tat seines Mandanten handle es sich nicht um Mord, sondern um einen Akt der Selbstverteidigung, also um rechtfertigende Notwehr. Er beantrage daher für seinen Mandanten Freispruch.

In scharfem Ton widersprach ihm die Vertreterin des Forums. Man müsse das ganz sachlich sehen: Es breche einem doch das Herz, wenn man erlebt, wie eine Mücke, die ohne jegliche Angriffsabsicht rein mückengemäß gehandelt habe, einfach umgebracht werde. Eine derartige Gewaltmaßnahme sei ein glatter Notwehrexzess und deshalb verwerflich. Sie bestehe strikt auf dem Ausschluss.

Der Vorsitzende versuchte zu vermitteln. Der Angeklagte könne doch sein Bedauern über seine frevelhafte Tat versichern. Dann könne man es doch bei einem scharfen Tadel belassen.

"Kommt nicht infrage!", beharrte die Vertreterin des Forums für die Würde der Tiere. "Ich verlange den Ausschluss!"

In der folgenden Abstimmung ergab sich eine überwältigende Mehrheit für den Ausschluss der Tierfreundinnen und Tierfreunde gegen Behördenwillkür und Steuerschikane.

Bernd C. Füerbier war entrüstet. Vergeblich forderte der Gastgeber ihn mehrfach zum Gehen auf. Er rührte sich nicht von seinem Stuhl.

"Du!", bettelte Judith Füerbier. "Nun komm doch! Das ist doch nicht so schlimm. Wir machen trotzdem eine super Mahnwache am Montag. Mit Kerzen und so. Echt!"

Bernd C. Füerbier blieb stur.

"Bernd!", redete sein Freund Reinhart auf ihn ein. "Nun komm doch! Wir gehen noch zum Griechen."

Bernd C. Füerbier schluckte.

"Oder wir können ja auch im Ratskeller ein Steak essen", insistierte Reinhart.

"Steak?"

"Steak! Ich lade euch ein. Nun komm endlich!"

Bernd C. Füerbier erhob sich mit selbstbewusstem Lächeln. Begleitet von Bemerkungen der Abscheu und des Ekels der Zurückbleibenden, eilten die Tierfreundinnen und Tierfreunde gegen Behördenwillkür und Steuerschikane aus dem Gemeindesaal dem lockenden Steak im Ratskeller entgegen.

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