Ernesto Handmann
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Satiren und Kurzgeschichten

Immer schön warm halten!

"Herr Füerbier bitte!", schepperte eine Stimme aus dem Lautsprecher durch das Wartezimmer des Facharztes für Orthopädie. Bernd C. Füerbier legte die "Hippokratischen Monatshefte" in den Zeitschriftenständer zurück. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stemmte er sich auf den beiden Armlehnen seines freischwingenden Stahlrohrsessels ab, beugte den Oberkörper weit nach vorne und steckte den rechten Fuß nach hinten unter den Sitz.

"Herr Füerbier bitte!", mahnte die Lautsprecherstimme ungeduldig in sanftem Kommandoton.

Unter den erwartungsvollen Blicken der anderen Patienten schnellte Bernd C. Füerbier mit einem Ruck aus seiner Startposition heraus. Er presste die rechte Hand gegen die Hüfte und schlurfte, von anerkennendem Kopfnicken seiner Leidensgenossen begleitet, auf das Sprechzimmer zu.

"Na? Hexenschuss?", empfing ihn der Arzt und drängte ihn unverzüglich auf die weißbezogene Pritsche. "Scheußliche Sache. Ich kenne die Schmerzen ganz genau. Habe täglich solche Fälle zu behandeln. Wirklich, ganz scheußliche Sache, sagen meine Patienten."

Bernd C. Füerbier spürte, wie die Nadel einer Spritze sich in seine Rückenmuskulatur bohrte, und biss die Zähne zusammen.

"So, das war's schon, Herr Füerbier."

Beim Ankleiden hielt Bernd C. Füerbier plötzlich erschrocken inne. "Herr Doktor! Mein rechtes Bein ist vollkommen taub! Ich fühle es gar nicht mehr!"

Der Arzt beruhigte ihn. Das sei völlig normal und überhaupt kein Grund zur Sorge. Und morgen solle er sich eine weitere Spritze abholen.

"Und muss ich sonst irgendetwas beachten, Herr Doktor? Vielleicht warme Wäsche tragen? Oder ein Heizkissen auflegen?"

"Wärme nützt überhaupt nichts, Herr Füerbier. Überhaupt nichts."

Beim Verlassen des Sprechzimmers stützte Bernd C. Füerbier sich mit beiden Händen an Möbeln und Wänden ab. Sein rechtes Bein schleifte er hinter sich her. "Vielen Dank, Herr Doktor! Auf Wiedersehen!"

Am nächsten Abend gestaltete er den Aufenthalt im Wartezimmer seines Orthopäden professioneller. Er stellte sich hinter einen der lederbezogenen Stahlrohrsessel und lehnte sich verkrampft gegen die Wand.

Nach einer Stunde gab die blecherne Lautsprecherstimme das Startkommando: "Herr Füerbier bitte!"

Bernd C. Füerbier löste sich reaktionsschnell aus seiner Warteposition. Zielstrebig machte er sich zwischen den Stahlrohrsesseln und Handtaschen der anderen Patienten hindurch auf die Rennstrecke ins Behandlungszimmer. Diesmal wollte er sich nicht wieder von der Sprechstundenhilfe rüffeln lassen.

"Wie ich sehe, haben Sie erfreuliche Fortschritte gemacht", begrüßte ihn der Arzt. "Sie sind heute schon ganz ohne zweiten Aufruf ausgekommen, Herr Füerbier. Ganz ohne zweiten Aufruf." Der Mediziner schritt eilig zur Untersuchung. "Ihr Rücken sieht schon sehr viel besser aus, Herr Füerbier, sehr viel besser."

Bernd C. Füerbier zuckte zusammen. Die Nadel der Spritze war in sein Fleisch gefahren.

"Und immer schön warm halten, Herr Füerbier! Schön warm! Wärme hilft!" Der Doktor verordnete Bernd C. Füerbier noch ein paar Bestrahlungen und eine Salbe, die er vor jeder Mahlzeit auftragen solle. "Und morgen kommen Sie wieder!"

Die Schmerzfalten in Bernd C. Füerbiers Gesicht wichen der Zuversicht. Im Schneckentempo kroch er auf allen vieren nach Hause, wo er sich von seiner Frau ein warmes Bad herrichten ließ. Schon am frühen Abend legte er sich, mit Heizkissen und Wolldecke versehen, ins vorgewärmte Bett.

Am Spätnachmittag des dritten Tages bezog er auf dem Flur neben der geöffneten Wartezimmertür des Orthopäden Posten. Gebückt gegen den Türrahmen gelehnt, erwartete er seinen Einsatzbefehl.

"Herr Füerbier bitte!", schnarrte es hinter ihm aus dem Lautsprecher. Das war der Startschuss, auf den Bernd C. Füerbier zwei Stunden lang gelauert hatte. Blitzschnell stieß er sich mit dem Hinterteil vom Türrahmen ab und schleppte sich schmerzgekrümmt über die Zielgerade ins Behandlungszimmer.

"Großartig, Herr Füerbier!", lobte der Arzt. "Sie werden ja jeden Tag schneller. Sie holen noch den Praxisrekord! Der steht auf zehn Komma drei Sekunden, Herr Füerbier. Zehn Komma drei." Der Doktor beugte sich über den kranken Rücken. "Nein", lautete sein Bulletin, "man merkt das ganz genau. Es ist noch nicht ganz weg."

Ein stechender Schmerz durchfuhr Bernd C. Füerbiers Rücken. Aus den Augenwinkeln sah er gerade noch, wie der Arzt die Spritze beiseitelegte.

"Ich verschreibe Ihnen noch einige Massagen, Herr Füerbier. Und die nächste Injektion können Sie sich gleich morgen früh um acht abholen, bevor Sie ins Büro fahren. Dann steht Ihnen der Abend ganz für die Massagen zur Verfügung. Der ganze Abend."

In tief gebückter Haltung wandte Bernd C. Füerbier sich dem Ausgang zu.

"Kopf hoch, Herr Füerbier!" Der Doktor ergriff den Arm seines niedergebeugten Patienten und stützte ihn bis zur Tür des Sprechzimmers.

Dankbar sah Bernd C. Füerbier zu seinem Wohltäter auf.

"Immer schön gerade halten, Herr Füerbier! Schön gerade!" Der Arzt klopfte Bernd C. Füerbier ermutigend auf die Schulter. "Aber keine abrupten Bewegungen! Und auf gar keinen Fall schwer heben!"

Am nächsten Morgen läutete Bernd C. Füerbier wie vereinbart um acht Uhr wieder an der Praxistür.

"Der Doktor muss jeden Augenblick eintreffen", erfuhr er von einer geschäftigen Helferin. "Er kommt immer ganz pünktlich zwischen halb neun und halb zehn."

Das rechte Bein hinter sich her ziehend, humpelte Bernd C. Füerbier gekrümmt ins Wartezimmer. Zusammengekauert lehnte er sich gegen die Wand, startbereit für einen Rekordversuch.

Pünktlich um zehn Uhr knisterte es im Lautsprecher über der Tür. Ohne das Startkommando abzuwarten, stieß Bernd C. Füerbier sich mit der linken Hand von der Wand ab und hinkte in stromlinienförmiger Haltung an der sprachlosen Helferin vorbei ins Behandlungszimmer. Schwer atmend erwartete er die Siegerehrung durch den Arzt.

"Der Doktor kommt gleich, Herr Füerbier", vertröstete ihn die Sprechstundenhilfe. "Er ist aufgehalten worden. Machen Sie sich schon mal frei! Der Doktor liebt es nicht, wenn er warten muss."

"Und mein Rekord?"

"Wir müssen Sie leider disqualifizieren, Herr Füerbier. Das war ein glatter Frühstart." Sie drehte sich um und rauschte in ihrem weißen Kittel zurück an den Empfang.

Bernd C. Füerbier wartete. Um elf Uhr grüßten bereits die Angestellten des Büros, das auf der anderen Straßenseite im ersten Stock lag, freundlich zu ihm herüber. Einige riefen ihm durch das weit geöffnete Fenster aufmunternde Worte zu. Andere boten ihm sogar von ihrem Kaffee an. Eine wohlgenährte Sekretärin fragte ihn besorgt, ob sie ihm etwas zu essen hinüberbringen solle.

Gegen Mittag öffnete sich die Tür.

"So, Herr Füerbier, wie geht's uns denn heute?" Der Doktor stürzte sich über den Wartenden und trieb ihm ohne Umschweife eine Spritze in die Lende. "Ich gebe Ihnen hier noch einen Kräuterzusatz für warme Bäder mit, die Sie täglich zu Hause in der Badewanne nehmen müssen, Herr Füerbier. Täglich. Sollte sich dann immer noch keine Besserung einstellen, müssen wir operieren."

Bernd C. Füerbier wurde blass. "Sie meinen, Sie wollen mir den Rücken aufschneiden?"

"Die Rollstühle sind heute schon sehr komfortabel, Herr Füerbier. Sehr komfortabel. Sie sind doch gut versichert?"

Als Bernd C. Füerbier zu Hause aus seiner Ohnmacht wieder erwachte, saß seine Frau an seinem Bett.

"Du?", säuselte sie. "Das Badewasser ist fertig, du!"

"Hast du auch den Badezusatz hineingetan?"

"Du, einen halben Tropfen. Genau wie es auf der Packung vorgeschrieben ist." Behutsam half sie ihm in die Badewanne und hielt ihm den Kopf, damit er sich vorsichtig zurücklegen konnte.

"Operieren! Ich lass mich doch nicht operieren!", stöhnte er. "Eher gehe ich zum Heilpraktiker!"

"Aber wirklich, du! Wo das doch so gefährlich ist."

Plätschernd streckte er das rechte Bein aus.

"Du?", fragte sie neugierig. "Merkst du schon was, du?"

"Das tut irgendwo total gut. Das Mittel hilft spürbar. Echt!" Wohlig aalte er sich in dem warmen Wasser. "Du kannst schon mal das Heizkissen ins Bett legen."

Weisungsgemäß ging seine Frau ins Schlafzimmer. Ohne ihre Rückkehr abzuwarten, stand Bernd C. Füerbier auf, nahm sein Handtuch und trocknete sich ganz alleine ab.

"Du!", erschrak Judith Füerbier, als sie ins Badezimmer zurückkam und ihren Mann kerzengerade vor sich stehen sah. "Was machst du denn da?"

Er wandte sich um. "Der Badezusatz ist total riesig! Wirklich! Die Schmerzen sind völlig weg. Ich merke plötzlich überhaupt nichts mehr!"

"Super, du!"

"Das ist echt ein Wundermittel!"

"Und ein super Arzt, dein Orthopäde, du!", strahlte sie selig. "Der kann was!"

"Genau! Der Mann ist wirklich eine große Koryphäe." Überglücklich schloss Bernd C. Füerbier seine Frau in die Arme.

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