Ernesto Handmann
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Mit der Quote für den Frieden

Bernd C. und Judith Füerbier suchten sich in der Backsteinhalle der alten Stadtwache, die nun das Stadtcafé beherbergte, ein freies Tischchen und ließen sich ein Bier bringen.

"Du?", maulte Judith Füerbier enttäuscht. "Wo ist denn das Fernsehen? Hier sind ja gar keine Kameras!"

"Tatsächlich! Überhaupt keine Kameras! Das hätten sie aber auf den Plakaten ankündigen müssen." Auch Bernd C. Füerbier zeigte sich außerordentlich ungehalten. Man hatte sich einen unterhaltsamen Abend versprochen mit der Aussicht, auch einmal kurz im Fernsehen zu erscheinen, und nun musste man verärgert feststellen, dass man auf einer Talkshow gelandet war, auf der wider Erwarten nicht eine einzige Fernsehkamera installiert war.

An einem großen runden Stammtisch, der vor dem gläsernen Kuchenbuffet aufgestellt worden war, hatten bereits die Diskutanten Position bezogen, um in der geplanten Friedensdiskussion ihre Standpunkte darzulegen. Interessiert wies Judith Füerbier auf einen eleganten, älteren, sportlichen Herrn in dunkelgrauem Nadelstreifenanzug. "Doktor Diekhendal von der Industrie- und Handelskammer", erläuterte Bernd C. Füerbier.

"Du?", stieß seine Frau ihn belustigt an. "Wer ist denn der Typ mit dem Vollbart in dem selbstgestrickten Pullover? Du! Und kuck dir mal die dicke Rothaarige an, du! Die ist ja total unmöglich." Eine vor ihr sitzende Enddreißigerin brachte sie jedoch resolut zur Ruhe, denn aus dem Hintergrund drang plötzlich eine Frauenstimme durch das Stimmengewirr, das die große Halle erfüllte. "Pschschscht!", zischte es langgezogen aus zahllosen Mündern. Die Talkshow begann.

Die Stimme aus dem Hintergrund gehörte zu einer elegant gekleideten Frau um die Fünfzig. Ihre Extremitäten waren reichlich mit Gold verziert, über ihrem Schlüssel- und Brustbein lastete eine breite Goldkette, und von ihren tellergroßen Ohrmuscheln baumelten goldgefasste Smaragde unter der Dauerwelle hervor. Sie gab sich als die Chefredakteurin der heimischen Tageszeitung zu erkennen. Höflich stellte sie dem Publikum ihre Gesprächspartner vor: Die dicke Rothaarige entpuppte sich als Staatssekretärin aus dem Frauenministerium. Eine neben ihr thronende Blondine wurde als Psychologin und Sprecherin des feministischen Friedensforums vorgestellt. Der Vollbartträger links neben der Gesprächsleiterin war ein Pastor als Vertreter der örtlichen Friedensbewegung. Rechts neben ihr saß Doktor Diekhendal als Repräsentant der Wirtschaft.

"Unser Gesprächsthema - es lautet: 'Mit der Quote für den Frieden'", eröffnete die Journalistin die Runde. "Frau Staatssekretärin, ich denke, dieses Thema - Ihnen muss es doch irgendwo wahnsinnig am Herzen liegen."

"Nun, ich denke, ich möchte zunächst einmal feststellen", antwortete die Politikerin, "dass ich meine Aufgabe als Staatssekretärin nicht nur so verstehe, dass ich als Frau für die Frauen kämpfe, sondern dass ich mich halt auch ein Stück weit für andere Minderheiten in unserer Gesellschaft einsetze, etwa für Kinder, sofern es sich um Mädchen handelt, um Radfahrerinnen, um ausländische Mitbürgerinnen oder um Skatspielerinnen. Meine ganze politische Anstrengung gilt also auch allen anderen Minderheiten in unserem Lande und nicht nur uns Frauen. Und nun zu Ihrer Frage: Ich denke mal, in der Tat gibt es ohne die Frauenquote keinen Frieden. Insofern ..."

"Genau da liegt das Problem!", fiel ihr die Blonde vom feministischen Friedensforum ins Wort. "Ich denke, die jahrtausendelange gewaltsame Unterdrückung der Frau durch die Männer war und ist ein millionenfacher Krieg. Erst wenn wir Frauen die Herrschaft errungen haben, wird es Frieden geben. Und das geht ohne die Quote nicht." Mit heißglühenden Wangen streifte sie die Asche ihrer Zigarette ab.

Die Staatssekretärin nickte zustimmend. "Ich denke mal, das ist vollkommen richtig, weil ohne den Frieden in der Gesellschaft gibt es irgendwo keinen Frieden in der Welt. Deshalb ist die Quote..."

"Aus meiner Erfahrung als Friedensarbeiterin weiß ich genau", unterbrach die Blonde sie erneut, "dass nur wir Frauen den Frieden auf der Erde bewahren können, weil alle Kriege in der Geschichte der Menschheit sind ausschließlich von Männern geführt worden."

"Das hat leider seine traurigen Gründe!", wandte der Geistliche von der Friedensbewegung ein.

"Hat Sie jemand gefragt?", reagierte die Frau vom Friedensforum selbstbewusst, aber friedfertig. "Jetzt rede ich! Nennen Sie mir auch nur einen einzigen Krieg, den Frauen geführt haben, nur einen einzigen!"

"Aber", nahm der Pastor noch einmal einen Anlauf, doch er kam über das Luftholen nicht hinaus.

"Halten Sie doch endlich den Mund!", fuhr ihn die blonde Friedensarbeiterin an. "Die Kirche hat kein Recht, sich zum Frieden zu äußern. Wer Frauen als Hexen verbrannt, Kreuzzüge gegen Muslime geführt und Waffen für den Kampf gegen die antifaschistische Allianz gesegnet hat, darf nicht von Frieden reden!"

Lautes Klatschen und hellstimmige Jubelrufe ertönten aus der Ecke neben dem Eingang.

"Super, die Frau!", fiel auch Judith Füerbier in den Beifall ein. "Echt überzeugend!" Ihr Mann brummte skeptisch.

Die Gesprächsleiterin bat die Staatssekretärin um ihre Meinung zum Thema 'Kirche und Quote'. Die Politikerin relativierte die Angriffe ihrer Mitstreiterin mit dem Hinweis, es gebe inzwischen auch in den Kirchen von Einsicht getragene vernünftige Gegenströmungen. Dennoch müsse frau ganz besonders in der katholischen Kirche um die Durchsetzung der Frauenquote kämpfen, denn solange noch alle Bischöfe bis hinauf zum Papst und selbst der liebe Gott männlich seien, könne es auch in der Kirche keinen Frieden geben. Man brauche sich ja nur die unterschiedlichen Positionen zum Thema "Abtreibung" anzusehen.

"Die Besetzung von Positionen mit Frauen - wie handhaben Sie die in ihrem Ministerium, Frau Staatssekretärin?", fragte die gastgebende Journalistin.

"Wie Sie wissen, bin ich erst seit knapp zwei Wochen im Amt", antwortete die Gefragte. "Doch ich denke, wenn erst einmal eine genügend große Zahl von Frauen in Führungspositionen sitzen, wie das in unserem Ministerium der Fall ist, ist es nicht mehr schwierig, die Männer dazu zu bewegen, ihre Posten freiwillig zu räumen. In unserem Ministerium haben bereits nach wenigen Tagen alle Männer ganz von sich aus mit Dringlichkeitsanträgen um die Versetzung in andere Dienststellen oder in den Ruhestand gebeten. Ich denke, das ist schon ein guter Anfang. Es darf bei der Neubesetzung von Stellen halt eh nicht einfach nach Leistung gehen. Dann ..."

"Leistungsdenken ist sozial nicht gerecht und benachteiligt einseitig die sozial Schwachen!", riss die Blonde das Wort wieder an sich. "Weil 'Leistungsgesellschaft' heißt 'Ellenbogengesellschaft' und ist als typisch männliche Erfindung durch und durch aggressiv."

Als es nach vielen Minuten ohrenbetäubenden Jubels endlich der Gesprächsleiterin unter aufopferungsvollem Einsatz gelungen war, die Zuhörerinnen und vor allem die jungen Mädchen in der Ecke neben der Tür zu besänftigen, durfte die Staatssekretärin ihre Ausführungen fortsetzen. Im Leistungssystem, erklärte sie, bliebe die friedliche Komponente der Gesellschaft, nämlich die Frau, unterrepräsentiert. Es dürfe daher nicht mehr so wie zu Zeiten der Männerherrschaft sein, dass jede Stimme gleich zähle. Davon müsse man in einem modernen Staat, also in einem sozialökologischen Friedensstaat, weg. Was man jetzt brauche, sei eine moderne Quotendemokratie, die es den Frauen ermögliche, zunächst einmal ihren Anteil und später dann die Herrschaft in allen Bereichen der Gesellschaft zu übernehmen.

"Genau das ist der Punkt!", rief die Blondine dazwischen. "Eine Quotendemokratie ist weiblich und deshalb friedlich. Wollen wir Frieden, brauchen wir Frauen. Denn 'Frauen' heißt 'Frieden'!" Sie sprang von ihrem Stuhl auf. "Wir Frauen werden für unseren Frieden kämpfen. Wir müssen nur aggressiver werden!"

"Super, die Frau!" Gleich allen anderen Frauen im Stadtcafé spendete auch Judith Füerbier begeistert Applaus.

Die Gesprächsleiterin wandte sich dem Vertreter der Wirtschaft zu und forderte nun ihn zu einer Stellungnahme auf.

"Verehrte gnädige Frau", begann Doktor Diekhendal seine Antwort.

"Was hat der Typ hier eigentlich zu suchen?", redete die Blonde vom feministischen Friedensforum dazwischen. "Es ist echt widerlich, mit solchen Typen an einem Tisch sitzen zu müssen." Angeekelt drehte sie den Kopf zur Seite.

Die Jugendlichen neben der Tür unterstützten ihr Vorbild mit begeistertem Gegröle.

Bernd C. Füerbier hielt den Atem an. Die Situation vorne am Stammtisch konnte noch einen dramatischen Verlauf nehmen.

"Gnädige Frau, um auf Ihre Frage ..."

"Jetzt fängt der Typ schon wieder an!", schnitt die blonde Pazifistin Doktor Diekhendal wiederum das Wort ab. "Solche Typen wie der haben bei einem Gespräch über den Frieden nichts zu suchen!" Sie sprang erneut auf und stemmte sich, schräg nach vorne gelehnt, mit den Armen in der Tischmitte ab. Keck starrte sie Doktor Diekhendal in die Augen. "Die Zeit der sanften Liebchen ist vorbei! Frieden ist Frauensache! Merk dir das, du geschniegelte Type!" Zum Publikum gewandt, rief sie: "Wir Frauen kämpfen aggressiv für den totalen Frieden!" Ungezügelt beugte sie sich weit über den Tisch und stieß mit ihrer mageren Weiblichkeit Doktor Diekhendals Rotweinglas um. Fassungslos stand daraufhin der Vertreter der Industrie- und Handelskammer auf und griff nach seinem Taschentuch, um die Flecken auf seinem edlen Nadelstreifenanzug zu trocknen.

"Bleiben Sie doch friedlich!", flehte der Pastor ihn mit erhobener Stimme an. Er mochte die Geste Doktor Diekhendals als Drohung aufgefasst haben. "Bitte! Keine Gewalt! Keine Gewalt!"

Die Hektik am Stammtisch veranlasste den Block der jugendlichen Zuschauer, der neben dem Eingang saß, ebenfalls von den Sitzen aufzuspringen und dem Zentrum des Geschehens zuzustreben.

"Los, komm! Schnell raus hier!" Bernd C. Füerbier schien ein Handgemenge zu befürchten und zog seine verschreckte Frau im Laufschritt zum Ausgang.

"Wirklich!", hechelte er draußen auf der Straße. "Für den Frieden muss unbedingt was getan werden."

"Echt, du!", keuchte Judith Füerbier. "Aber lass nur! Ich denke, wir Frauen werden das als das friedliche Geschlecht irgendwo schon machen!"

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