Ernesto Handmann
Voll im Trend
Satiren und Kurzgeschichten

Seelenrhythmus im Alarmfeld

Bernd C. Füerbier kam aus den Sorgen nicht heraus. "Rolf, du bist so still", grämte er sich um seinen schwer vom Afrikasyndrom heimgesuchten Bruder. "Du bist wohl heute mental nicht gut drauf, oder?"

"Ich habe Kopfschmerzen."

"Rolf! Du!" Judith Füerbier legte besorgt ihre Hand auf den Unterarm ihres Schwagers. "Wie lange hast du das denn schon?"

"Seit heute Morgen."

"Sonst nicht?", hakte Bernd C. Füerbier misstrauisch nach, schien er doch einen neuen Ausbruch des Afrikasyndroms bei seinem Bruder zu wittern.

"Nein."

"Total seltsam", wunderte sich Bernd C. Füerbier über diese Symptome. "Ich denke mal, das könnte irgendwo an deinem Bio-Rhythmus liegen. Oder, Judith?" Er ging an das Bücherregal und zog mit zielsicherem Griff ein bunt eingebundenes, großformatiges Buch heraus. "Das werden wir gleich sehen. Da gibt es uralte Erkenntnisse aus Asien." Er suchte eine Seite heraus, auf der wie auf einem Oszillogramm lauter Schwingungskurven flimmerten. Dazwischen leuchteten hin und wieder rote und gelbe Farbtupfer. "Dein Rhythmenstand ist sechshundertsechzehn." Er notierte sich die Zahl auf einem Zettel. "Heute ist der achte November. Der November hat dreißig Tage." Er hielt auch diese Zahlen fest, murmelte einige weitere Daten, schrieb sie auf, rechnete und blickte wieder in das Buch. "Zweihundertsiebenundvierzig! Das sieht irgendwo echt nicht gut aus, Rolf. Beide Kurven total im Keller, Körperrhythmus und Seelenrhythmus! Und beide sind auch noch im Alarmfeld! Wahnsinn!"

"Du!", klagte Judith Füerbier. "Dann ist das halt echt kein Wunder! Beide Kurven im Alarmfeld. Ich denke mal, schlimmer kann es irgendwo nicht kommen."

Rolf Füerbier fasste sich an den Kopf. "Was redet ihr denn da eigentlich? Eine Rhythmuszahl soll meine Kopfschmerzen verursachen?"

"Natürlich darf man auch die Mondphasen nicht außer Acht lassen. Da hast du natürlich recht", räumte Bernd C. Füerbier etwas verunsichert ein.

Judith Füerbier schaute auf ihre Armbanduhr, auf deren Ziffernblatt ein goldgelber Halbmond aus einem kleinen Fensterchen schimmerte. Der Mond stehe am Ende des ersten Viertels, gab sie Auskunft. Nach einem Blick in den Kalender nickte ihr Mann zustimmend. In drei Tagen sei Vollmond. Solche Tage seien wohl einfach zu energetisch für so sensible Menschen wie Rolf. "Ich denke mal, Rolfs Stirnchakra wird irgendwo mit dem starken Mondenergiezuwachs nicht fertig", diagnostizierte Bernd C. Füerbier sachkundig.

"Du!", ging nun auch Judith Füerbier ein großes Licht auf. "Super! Die Chakra ist das! Natürlich! Die Stirnchakra! Echt!" Sie holte 'Das große Buch der heilenden Farben' aus dem Regal. Nach einem kurzen Blick in die Inhaltsübersicht hatte sie das Gesuchte gefunden. "Du!", jubilierte sie. "Hier steht's!"

Blitzschnell entriss Bernd C. Füerbier ihr das Buch. "Häufig ist ein Energiekumulus in der Stirnchakra die Ursache für scheinbar unerklärliche Kopfschmerzen", las er laut.

Im Handstreich eroberte seine Frau sich das Buch zurück. "Legen Sie zur Heilung violette Tücher über Stirn, Augen und Kopf, um den Energieüberschuss abzubauen." Sekundenbruchteile später wedelte sie mit einem lilafarbenen Halstuch herum und forderte ihren Schwager auf, sich das aufdringlich nach Parfum riechende Stück Textil über den Kopf zu legen. Das werde ihm bestimmt gut tun.

"Wirklich, Rolf!", sprang Bernd C. Füerbier ihr zur Seite. "Das ist eine alte indische Heilmethode. Total stark!"

Rolf Füerbier lehnte das altindische Therapieangebot trotz der überzeugenden Beteuerungen, ein Versuch lohne sich ganz gewiss, in seinem ihm eigenen Starrsinn strikt ab. Sein wohlmeinender Bruder ließ sich jedoch nicht entmutigen, sondern schlug umgehend die Blütenenergie-Therapie als weitere Behandlungsstrategie vor. Man müsse in der fernöstlichen Alternativmedizin ohnehin stets mehrgleisig fahren, erklärte er und bat seine Frau um das Buch "Alternative Heilung durch Blütenenergie".

"Du", säuselte sie. "Das hab' ich Bärbel geliehen. Du weißt doch - sie fühlt sich manchmal irgendwo nicht."

Ungehalten griff Bernd C. Füerbier nach seiner Brille und ging auf die Diele, um auf eigene Faust im Kräuterschrank nachzusehen.

"Du!", brüllte seine Frau ihm hinterher. "Ich denke, es waren die Enziantropfen, die irgendwo gegen Kopfschmerzen helfen."

Die unermessliche Menge von Fläschchen, Töpfchen, Tütchen und Schächtelchen mit Kräuter- und Blütenextrakten, die in dem gewaltigen Kräuterschrank aus gewachstem Kiefernholz verstaut waren, erfüllten Bernd C. Füerbier mit neuem Optimismus. Nach einigen Minuten intensiven Stöberns hielt er ein braunes Fläschchen mit der Aufschrift "Enzian-Energie" in Händen. Darunter stand handgeschrieben "gegen juckende und schmerzende Blutaderknoten des peripheren Verdauungstraktes".

"Du?", flötete Judith Füerbier ihm aus dem Wohnzimmer zu. "Hast du den Enzian gefunden, du?"

"Gegen Kopfschmerzen total ungeeignet!"

"Dann war es Fingerhut, du!"

Rolf Füerbier wurde schreckensbleich. Er habe nicht die Absicht, sein Leben wegen harmloser Kopfschmerzen aufs Spiel zu setzen, protestierte er.

"Oder war es Eisenhut?" Judith Füerbier wurde unsicher. "Oder Maiglöckchen?"

"Vielleicht sollte er es mal mit Sophienkraut versuchen!", drang Bernd C. Füerbiers halberstickte Stimme dumpf aus dem untersten Schrankfach heraus. "Oder mit Küchenschelle. Oder Engelwurz. Die sind total energiereich, steht hier drauf."

"Du!", wusste Judith Füerbier. "Auf jeden Fall hilft halt irgendwo eine Mischung aus Kamille und Japanöl."

"Meine Kopfschmerzen sind nicht so schlimm", winkte Rolf Füerbier nervös ab. "Ich werde jetzt ein wenig an die frische Luft gehen." Er nahm seinen Mantel aus dem Garderobenschrank.

"Rolf! Nun übereile doch nichts!" Judith Füerbier war sehr beunruhigt. "Du?", rief sie aufgeregt in Richtung Diele. "Wo sind denn eigentlich die Entspannungs-Vibrationscassetten?"

Nur einen kurzen Augenblick später stürzte Bernd C. Füerbier aus dem Schlafzimmer herbei. "Hier, Rolf! Nimm die mit, und hör sie dir zu Hause in aller Ruhe an!" Er steckte seinem Bruder einen Packen Hörcassetten in die Manteltasche. "Da sind original tibetanische Gongschläge aus buddhistischen Klöstern drauf. Die verstärken total den terrestrischen Kontakt! Und wie das vibriert, das ist echt Wahnsinn!"

Von der beängstigenden Fülle alternativer Schmerztherapien eingeschüchtert, verabschiedete Rolf Füerbier sich hastig und trat in den Vordergarten.

"Rolf! Warte mal!" Judith Füerbier lief hinter ihrem Schwager her. "Hier. Nimm noch das violette Halstuch mit! Über die Stirn und die Augen! Und hier, die Atropatropfen! Die sind echt super energetisch." Sie drückte ihm ein eckiges braunes Medizinfläschchen in die Hand.

Als müsse er sein Leben retten, verließ Rolf Füerbier im Laufschritt das Grundstück seines Bruders.

© Ernesto Handmann für alle Satiren und Kurzgeschichten auf diesen Seiten


Oben  |  Zurück |  Weiter


Jedwede Art der Verbreitung, Veröffentlichung oder nichtprivaten Nutzung
der Satiren nur mit Genehmigung des Autors Ernesto Handmann!
Ernesto Handmann
satirennexgo.de
Oben   Start   Satiren   Nachtigall   Bauernregeln   Gedichte   Kontakt   satirennexgo.de Kurzadresse: www.satiren.phantasus.de  
Voll im Trend Satiren Satiren Ernesto Handmann
Start   Satiren   Nachtigall   Bauernregeln   Gedichte   Kontakt   satirennexgo.de Zurück |  Weiter
Voll im Trend
Satiren
Ernesto Handmann
Satiren und Kurzgeschichten
über den Zeitgeist
Satiren & Kurzgeschichten