Ernesto Handmann
Voll im Trend
Satiren und Kurzgeschichten

Sklavenbefreiung

Die Eiswürfel klingelten hell in Bernd C. Füerbiers Whiskyglas, als er sich mit einem kräftigen Schluck erfrischte. "Also, wirklich!", schnaufte er zufrieden. "Solche Clubaktivferien sind total stark. Ich denke mal, das machen wir nächstes Jahr wieder." Entspannt räkelte er sich in seinem Liegestuhl.

"Unbedingt, Bernd!", ermutigte ihn Vera. "Ganz unbedingt! Ich und Wölfi finden den 'Club Trend Totale' auch megariesig. Gell, Wölfi?"

"Gewaltig beeindruckend!", bestätigte Wölfi. "Und man lernt hier halt super Leute kennen. So wie Bernd und Judith. Und dann so dicht am Atlantik - also, ich find's halt voll super hier."

"Du!" In heller Aufregung betrat Judith Füerbier die Terrasse des kleinen Reihenbungalows und setzte sich zu den anderen. "Ich mach' mir echt Sorgen, du! Mutti sagt, Josef frisst rein gar nichts mehr."

Vera zog besorgt die Augenbrauen hoch. "Euer Sohn ist wohl von euch immer zu sehr verwöhnt worden und mag nun bei der Oma nicht sein?"

"Josef ist unser Dackel", stellte Judith Füerbier mit gesenkten Augen die Angelegenheit richtig. "Die Trennung von ihm fällt mir irgendwo echt schwer. Ich rufe jeden Tag zu Hause an."

"Als Frau mit zwei Kindern kann ich das unbedingt verstehen", unterstützte Vera sie. "Ich denke, das ist halt die Rolle, zu der wir Frauen gezwungen werden. Wir Frauen müssen immer leiden."

"Genau!", jammerte Judith Füerbier. "Irgendwo sind wir Frauen immer die Opfer."

"Aber du kannst was dagegen tun, Judith. Verweigere dich! Sag halt einfach 'Ich will nicht!' Unbedingt!"

Judith Füerbier hörte Vera gebannt zu. "Und wie machst du das mit deinen Kindern?", fragte sie.

"Ich denke, Kinder dürfen nicht zum Mittelpunkt des Lebens werden, weil das Wichtigste in meinem Leben bin halt ich selbst. Unbedingt! Ich liebkose mein Ego. Gell, Wölfi?"

"Ganz unbedingt!", bekräftigte Wölfi.

"Deshalb haben wir uns halt auch zuerst einen Wagen und Möbel angeschafft und dann eine schöne große Altbauwohnung, und dann erst haben wir uns Sarah angeschafft. Ich wollte halt unbedingt ein Mädchen, gell, Wölfi?"

Wölfi nickte heftig.

"Wölfi wollte immer einen Sohn haben. Aber das ging ja nicht, weil Sarah war ja da, und die brauchte unbedingt ungeteilte Zuwendung. Mädchen brauchen halt immer mehr Zuwendung, weil sie haben es im späteren Leben halt eh immer schwerer als Jungen. Das weibliche Geschlecht wird immer und überall vom männlichen Geschlecht unterdrückt. Gell, Wölfi?"

Wölfi lächelte säuerlich.

Von der Terrasse des Bungalows zur Linken drangen Geräusche herüber.

"Hallo, ihr zusammen!" Der Nachbar winkte lässig.

"Grüß dich, Klaus!", erwiderte Bernd C. Füerbier den Gruß.

Judith Füerbier lächelte dem braungebrannten Athleten huldvoll zu, ohne ihr Verhör zu unterbrechen. "Ihr habt also nur ein Kind?"

"Ich habe Wölfis Drängen dann irgendwo doch nachgegeben. Als Sarah vier war, haben wir uns Philipp angeschafft."

"Und wie alt ist er jetzt?"

"Drei Monate."

Laut hallte das Klimpern der Eiswürfel durch die Bungalowsiedlung des "Club Trend Totale", als Bernd C. Füerbier sein Glas absetzte.

"Super!", staunte Judith Füerbier. "Und wo habt ihr die Kinder jetzt?"

"Sarah ist ja mit ihren vier Jahren schon absolut selbständig!", erklärte Vera. "Tagsüber ist sie in der Kita. Philipp ist dann in der Krippe. Und abends werden sie dann von der Kinderfrau versorgt. Die macht das echt super! Unbedingt! Gell, Wölfi?"

"Gewaltig professionell!", bestätigte Wölfi. "Ganz unbedingt."

Veras Tüchtigkeit ließ Judith Füerbier keine Ruhe. "Wie wirst du denn zu Hause mit der schweren Belastung durch die Kinder fertig?"

"Du hast recht. Kinder sind eine gigantische Last. Unbedingt", stöhnte Vera. "Zum Glück hilft mir die Kinderfrau ein Stück weit. Die bringt die Kinder morgens in die Kita und in die Krippe und holt sie abends wieder ab."

"Sie versorgt die Kinder auch morgens und abends", ergänzte Wölfi.

"Wirklich, ich sag' euch, es ist zu niedlich, wenn die Kinder in ihren Bettchen liegen und schlafen, wenn ich abends aus der Stadt nach Hause komme. Unbedingt! Ich möchte diese Verantwortung und diese Freude irgendwo nicht missen. Ich brauche sie halt einfach für mein Ego. Gell, Wölfi?"

Strahlend nickte Wölfi.

"Super!", bewunderte Judith Füerbier Veras Vielseitigkeit. "Du bist nebenher auch noch berufstätig?"

"Wölfi verdient natürlich blendend. Aber ich kann das mit meinem Frauenbild nicht vereinbaren, nicht berufstätig zu sein und mich nur um die Kinder zu kümmern, weil frau darf sich nicht zur Sklavin der Kinder machen."

"Aber leidest du denn nicht unter dieser wahnsinnigen Dreifachbelastung als Mutter, Frau und Berufstätige?"

"Es ist natürlich riesig anstrengend!", klagte Vera. "Unbedingt! Wir Fauen werden ja immer benachteiligt. Da war ich natürlich irgendwo super froh, als ich Philipp dann endlich in der Krippe abliefern konnte. Gell, Wölfi?"

"Es ist für dich das Beste", bot Wölfi ihr seinen männlichen Rückhalt. "Und für Philipp auch, weil Babys brauchen Babys, haben Kinderpsychologen herausgefunden."

"Das versteh' ich", befand auch Judith Füerbier. "Jeder fühlt sich halt unter seinesgleichen am wohlsten."

Vera genoss die herzliche Zustimmung, die ihr zuteil wurde. "Stellt euch vor, Wölfis Mutter hat mir doch tatsächlich heftige Vorwürfe gemacht wegen meiner Einstellung! Gell, Wölfi?"

"Total unmöglich!", entrüstete sich Bernd C. Füerbier.

Ein warmes Lächeln flog ihm von Vera zu. "Sogar eine Rabenmutter hat sie mich genannt! Gell, Wölfi?"

"Vergiss es!", stellte Wölfi sich schützend vor sie. "Alle Fachleute sind auf deiner Seite - alle fortschrittlichen Politikerinnen, die Medien, sogar die moderne Wissenschaft. Denk nur an das Buch von der amerikanischen Kinderpsychologin, das du von der Gruppe zum Vierzigsten bekommen hast."

Vera stutzte. "Von der Selbstfindungsgruppe?"

"Von der Well-Being-Gruppe."

"Das Buch über die sozialambivalente Primärsozialisation?"

"Das über die soziale Interaktion in autonomen Babygroups."

Die angedeuteten Denkfalten verschwanden wieder von Veras Stirn. "Ein super Buch!", erinnerte sie sich. "Du hast unbedingt recht, Wölfi! Ganz unbedingt! Philipp weint ja auch fast gar nicht mehr, wenn er in die Krippe kommt. Die Kinderschwester hat gesagt, das ist ganz normal, dass Kinder sich schon nach drei bis vier Stunden wieder beruhigen."

Wölfi brummte zustimmend. "Weil er hat dann halt die anderen Babys, mit denen er in Kommunikation treten kann."

Vom Atlantik wehte ein kühler Abendwind auf die Terrasse herüber. Er tat Bernd C. Füerbier sichtlich wohl. "Freundinnen und Freunde", sagte er gut gelaunt, "ich denke mal, ich bestelle uns allen noch einen Drink. Ich find's wirklich total riesig, dass wir uns hier im Club kennengelernt haben. Judith, ruf doch mal beim Service an!"

"Super!", freute sich Judith Füerbier und schickte sich an, die Bestellung aufzugeben.

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