Ernesto Handmann
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Tierische Wetterprognose

Der weißhaarige Nachbar der Füerbiers beugte sich tief über seine am Zaun wachsenden Schneeglöckchen. "Hören Sie?", flüsterte er erregt. "Das sind die Kraniche!"

Bernd C. Füerbier sah mit verlegenem Lächeln auf die kleinen Blumen mit den weißen Köpfchen.

"Da oben! Die Kraniche! Da fliegen sie doch!" Der alte Mann zeigte mit dem ausgestreckten Arm zum Himmel.

Höflich reckte Bernd C. Füerbier seinen Kopf in die ihm gewiesene Richtung. Hoch droben flog ein langer Keil großer Vögel, aus deren weit vorgestreckten Hälsen hin und wieder volltönend raue Rufe erklangen. In bedächtigem Fluge zogen sie nach Nordosten.

"Das sind Kraniche? Irgendwo total starke Tiere!"

Sein Nachbar erkundigte sich ergriffen nach dem Datum. Normalerweise kämen die Kraniche nämlich genau am zehnten März zurück. Danach könne man die Uhr stellen. Kämen sie aber früher, gebe es einen heißen, trockenen Sommer. Und kämen sie erst nach dem zehnten März, werde der Sommer kalt und verregnet. Das habe schon sein Großvater in Pommern immer gesagt.

Bernd C. Füerbier staunte. "Heute ist der zwölfte März."

"Oh, das ist aber ganz schlecht!", unkte der Alte. "Der Sommer wird todsicher kalt und regnerisch. Sie werden es erleben!"

Mit hängendem Kopf überbrachte Bernd C. Füerbier diese Hiobsbotschaft seiner Frau Judith.

"Du!", kreischte sie schockiert. "Wir wollen doch im Urlaub nach Sylt! Und dann immer nur Regen! Nein! Das geht nicht!" Laut jaulend sank sie auf einen Küchenstuhl.

"Wir stornieren das sofort! Ich denke mal, wir buchen halt einfach um nach Florida. Tornadothrilling, Alligatorhunting und so. Das ist knallhart romantisch da!"

"Ja", schluchzte sie. "Aber gleich umbuchen!"

Rührend besorgt reichte Bernd C. Füerbier seiner Frau Eimer und Wischtuch, damit sie die Tränenlache, die ihre Füße bereits bis fast zu den Knöcheln bedeckte, trockenlegen konnte. Dann rief er das Reisebüro an.

Das nasskalte Wetter der folgenden Wochen schien die Botschaft der Kraniche zu bestätigen. Es fesselte Bernd C. und Judith Füerbier mit Dackel Josef das ganze Frühjahr hindurch Wochenende für Wochenende an den Fernsehapparat und drückte die Stimmung auf den Nullpunkt. Das Elend der drei war grenzenlos, bis Mitte Mai ganz plötzlich die Wende eintrat. Während Judith Füerbier mit vergrämtem Gesicht Josef hätschelte, der neben ihr auf dem Sofa lag, brach Bernd C. Füerbier plötzlich in lauten Jubel aus.

"Das ist ja Wahnsinn!", rief er freudig. "Hör mal, was hier in der 'Trend TV' steht!" Er tippte mit dem Zeigefinger auf seine Fernsehzeitschrift. "Die veröffentlichen wieder die naturnahe Wetterprognose von dem alten Moorbauern."

Judith Füerbier merkte auf.

"Wir kriegen einen Jahrhundertsommer!" Freudig erregt rückte Bernd C. Füerbier seine schmale Lesebrille zurecht und las aus der 'Trend TV' vor. Der Sommer werde sehr frühzeitig einsetzen, stand da, und er werde sehr sonnig, lang und wunderschön. Daran sei nicht der allergeringste Zweifel möglich. Die Anzeichen, die die Natur dem geübten Beobachter darbiete, seien unmissverständlich. Die Kröten hätten nämlich in diesem Jahr ihren Laich ausschließlich in austrocknungssicheren Gewässern abgelegt. Sie hätten sogar die flachen Uferzonen größerer Teiche als Laichplatz gemieden, um ihrer Nachkommenschaft eine Überlebenschance zu garantieren. Das bedeute, dass es in den folgenden Wochen und Monaten sonnig und niederschlagsarm sein werde.

Judith Füerbier nickte ergriffen. "Wundervoll!", staunte sie. "Wie klug die Tiere doch irgendwo für ihre Babys sorgen."

"Auch die Frösche machen in diesem Frühjahr auffallend große Sprünge", las Bernd C. Füerbier weiter. "Das beweist, dass sie in diesem Sommer reichlich Nahrung finden werden."

Nicht ohne eine gute Portion mystischen Neides zollten die Füerbiers dem alten Moorbauern ihre Anerkennung für solch streng logische, aber wiederum doch verblüffende Interpretation der kleinen Winke der Natur. Sie waren sich einig, dass, wer auf dem Lande mit der Natur groß geworden ist, die Natur noch in all ihren Abgründen und Geheimnissen verstehe, ja, selber ein Teil dieser Natur sei. Das höre man ja immer wieder. Außerdem sei die 'Trend TV' eine seriöse Zeitschrift, argumentierte Bernd C. Füerbier und verwies auf den Schluss der Wetterprognose, worin der Moorbauer weissagte, dass der nächste Winter sehr mild und kurz werde. Die Haselnusssträucher, Eichen und Kastanien hätten nämlich so wenig Blüten wie nie, und das ergebe im Herbst eine karge Ausbeute an Nüssen, Eicheln und Kastanien. Das seien typische Anzeichen für einen frostfreien und schneearmen Winter.

"Du? Der Typ ist irgendwo echt super!", äußerte Judith Füerbier noch einmal ihre tiefe Bewunderung für den alten Moorbauern. "Aber weißt du was?", fügte sie leise mit einem vielsagenden Augenaufschlag hinzu. "Ich denke mal, ich freue mich irgendwo trotzdem auf Florida."

Ihr Mann sah sie fragend an.

"Wo doch der Sommer auf Sylt nun doch noch so toll wird."

Bernd C. Füerbier hatte verstanden. "Genau!", bestärkte er seine Frau. "Florida wird total stark! Hoffentlich haben wir gutes Wetter!"

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