Ernesto Handmann
Voll im Trend
Satiren und Kurzgeschichten

Endlich Winter!

Schlaftrunken guckte Bernd C. Füerbier aus dem Küchenfenster in den trüben Novembermorgen. Ein Naturereignis von außerordentlicher Dramatik rüttelte ihn schlagartig wach.

"Judith!", rief er bestürzt. "Das ist ja der helle Wahnsinn!"

"Du?"

"Wir haben eine Schneekatastrophe! Mach mal das Radio an! Mal hören, was die dazu sagen."

Der Rundfunk meldete in seinen Verkehrsnachrichten eine geschlossene Schneedecke von stellenweise bis zu null Komma eins Mikrometern Höhe. Die Behörden hätten wegen dieser verheerenden Naturkatastrophe die Alarmstufe drei ausgerufen. Die nächtlichen Schneefälle hätten zu einem Verkehrschaos unvorstellbaren Ausmaßes geführt. Auf den Straßen hätten sich Staus von bis zu hundertfünfzig Kilometern Länge gebildet, die Eisenbahnen hätten stundenlange Verspätungen, und Flugzeuge könnten nicht starten. Mit einer solchen Katastrophe habe zu dieser Jahreszeit niemand rechnen können.

"Und das mitten in Europa!", schimpfte Bernd C. Füerbier. "Wir leben im Jahr zweitausend, und die Wissenschaft hat dagegen noch nichts erfunden! Einfach unglaublich!"

Mit verkniffenem Gesicht verließ er den Frühstückstisch, drapierte einen langen scharlachroten Kaschmirschal um seinen Hals und setzte sich in seinen Achtzylinder. Er stellte die Klimaanlage auf Hochtouren und stürzte sich wagemutig auf die Straßen, um sich ins Büro durchzuschlagen.

"Diese verdammte Kälte!", fluchte er nach wenigen Metern Fahrt vor sich hin. Er musste vor einer Straßeneinmündung am Schluss einer langen Autoschlange warten. "Dieser verfluchte Winter! Und das geht nun ein halbes Jahr so weiter - immer diese total starke Kälte und dieser wahnsinnige Schnee!" Die Kolonne bewegte sich einen halben Meter voran. Bernd C. Füerbier nörgelte sich fünf Stunden lang im Schritttempo ins Büro.

Aus den dort ausnahmsweise überall laufenden Radio- und Fernsehgeräten wurde einmal mehr Weltuntergangsstimmung verbreitet. Das ganze Land war in Aufruhr. Der Krisenstab der Regierung hatte in Abstimmung mit den unteren Katastrophenschutzbehörden unverzüglich einen Katastrophenvorsorgeplan erarbeitet. Er wurde den ganzen Tag hindurch über alle Rundfunk- und Fernsehsender viertelstündlich verbreitet. Alle Fernsehstationen änderten ihr Abendprogramm und analysierten die bedrohliche Lage. Über Satelliten berichteten die Auslandskorrespondenten aus den Metropolen der Welt live über die mitfühlenden Reaktionen der dortigen Menschen. In zahlreichen Ländern waren bereits Sammel- und Hilfsaktionen angelaufen. Die internationale Völkergemeinschaft bangte um Deutschland.

Als wichtigste Katastrophenvorsorgemaßnahme wurde übereinstimmend empfohlen, das Haus nicht zu verlassen. In unumgänglichen Fällen sollte man sich morgens frühzeitig über Wetter, Straßenzustand und allgemeine Katastrophenlage informieren. In einigen Landkreisen wurde das Betreten der Straßen im Eigeninteresse der Bürger sogar verboten.

Am nächsten Morgen schaute Bernd C. Füerbier vorsorglich bereits um fünf Uhr vor die Tür. Lauer Nieselregen netzte sein unrasiertes Gesicht.

"Du?", rief seine Frau nervös aus dem Bett. "Sag schon! Wie groß ist die Katastrophe heute?"

"Es hat getaut", vermeldete er und kroch wieder unter die Bettdecke. Selig lächelnd schlief er noch eine gute Stunde.

Das warme, fast spätsommerliche Wetter hielt wider Erwarten wochenlang an. Der Krisenstab der Regierung tagte nur noch dienstags und freitags. Am vierten Adventssonntag sorgten die Füerbiers sich ernstlich um das Weihnachtswetter, denn zum Weihnachtsfest gehörte selbstverständlich reichlich Schnee. Das war schon früher so. Bernd C. Füerbier studierte aufmerksam die Wetterkarten sämtlicher fünfhundertvierundachtzig Fernsehstationen, die er über seine Satellitenanlage empfangen konnte.

"Kein Schnee in Sicht", verkündete er. "Alles total schnee- und eisfrei."

"Echt!", maulte Judith Füerbier. "Was machen die denn eigentlich in den Wetterämtern den ganzen Tag? Haben irgendwo alles voller Computer und Satelliten und kriegen keinen Schnee hin."

"Ich denke mal, die tun, was sie können, aber die Großwetterlage lässt halt keinen Schnee zu", belehrte Bernd C. Füerbier seine Frau. "Und nur weil Weihnachten ist, können die doch nicht einfach eine falsche Prognose herausgeben. Das tun sie doch sonst auch nicht."

"Du, aber Weihnachten ohne Schnee ist halt irgendwo gar kein Weihnachten."

Die Festtage waren sonnig und mild. Judith Füerbier saß vor ihrem mit echten weißen Wachskerzen ausgerüsteten Tannenbaum und machte ein todtrauriges Gesicht. Auch Silvester, Neujahr und die ersten Januartage vergingen ohne eine einzige Schneeflocke. Der Krisenstab der Regierung befand sich in höchster Aktivität und tagte Tag und Nacht.

"So was nennt sich nun Winter!" Unzufrieden fingerte Bernd C. Füerbier auf dem multifunktionalen Fernbedienungsboard seines schwarzen Monitorlook-Inline-On-Screen-Fernsehapparates herum. Kein Kanal prophezeite eine Wetteränderung. Die Nachrichten boten Bilder aus schneelosen Wintersportorten, deren Bürgermeister mit verweinten Augen über den Winter jammerten. Die Feiertagstouristen könnten die Skier nicht unterschnallen, die Lifte stünden still, und es gebe nicht einmal in der Nacht Frost. Ohne staatliche Unterstützung stehe man vor dem Ruin. Die Regierung müsse schnellstens fünfzig bis sechzig Millionen als vorläufige Sofortmaßnahme bereitstellen, um wenigstens die dringendste Not zu lindern.

"Total deprimierend so ein Winter!" Bernd C. Füerbier schenkte sich einen doppelten Cognac ein. "Dieses Wetter macht einen irgendwo total krank." Hastig schluckte er seinen Schnaps herunter. "Wann wird es denn bloß endlich Winter?", stöhnte er. "Hoffentlich wird es bald endlich Winter!" Mit verklärtem Blick geriet er ins Schwärmen, wie schön jetzt frostklirrende Luft und knirschender, glitzernder Schnee auf unberührten weißen Waldpfaden wären, die Sonne lustig durch die unter dem winterlichen Schmuck tief herabhängenden Tannenzweige hindurchblinzelnd. "Ach, was wäre ein richtiger kalter Winter doch für eine wunderbare Sache!", seufzte er wehmütig. Er trat an das große Terrassenfenster und betrachtete missmutig seinen Garten. Die Erde war schwarz, die Hecke braun, der Rasen grün. Das musste die Klimakatastrophe sein, von der alle sprachen und auf die alle warteten.

"Du?", spekulierte Judith Füerbier. "Ob vielleicht das Ozonloch irgendwo alles durcheinandergebracht hat? Oder die Atomkraftwerke? Oder die vielen Autos? Echt! Das kann doch sein."

Er schüttelte den Kopf. Man dürfe nicht auf jede Panikmache irgendwelcher Politikerinnen oder Journalistinnen hereinfallen. Die Sache sei total klar. Das dicke Ende komme halt noch, und zwar stärker als ihnen lieb sei. Schon mit dem nächsten Mondwechsel könne der Winter mit ungeheuren Schneemassen hereinbrechen. Der Februar sei irgendwo schon immer der schneereichste Monat gewesen. Das habe der Krisenstab der Regierung auch gesagt.

Bei dem darauffolgenden Vollmond trat Bernd C. Füerbier, durch den langen scharlachroten Kaschmirschal geschützt, aufgeregt auf die Terrasse und prüfte die Wetterlage. "Mal sehen, ob es irgendwo nach Schnee riecht", sagte er und streckte die Nase erwartungsvoll gen Himmel. Ein linder Wind streichelte sanft seine Wangen.

"Du?", gierte Judith Füerbier ungeduldig nach dem Ergebnis. "Kannst du was wittern?"

"Nicht wirklich", knurrte er enttäuscht. "Nicht das kleinste Flöckchen. Mitten im Februar nirgends auch nur die Spur einer Schneewolke. So was nennt sich nun Winter. Ich denke mal, das muss ja irgendwo noch ein Debakel geben. Mal sehen, was das Fernsehen sagt."

Alle Fernsehstationen hatten ihr Programm geändert. Eine schwere Wärmekatastrophe hatte das ganze Land überzogen. In ausführlichen Katastrophensondersendungen waren niederschmetternde Bilder zu sehen. Heizölhändler lagen tränenüberströmt vor ihren leeren Auftragsbüchern. Inhaber von Autoreparaturwerkstätten jammerten, dass in diesem schneearmen Winter erschreckend wenig Verkehrsunfälle geschehen seien. Unfallchirurgen klagten über leere Krankenhausbetten. Die Elektrizitätsunternehmen lamentierten über einen gesunkenen Stromverbrauch. Ein Bauer beschwerte sich mit winterschlafsmüden Augen darüber, dass die Getreidesaat schon so weit aufgegangen sei, dass allergrößte Gefahr bestehe. Bereits ein einziger Frosteinbruch brächte unermessliche Schäden. Der Bauernverband habe daher auch schon Alarm geschlagen und von der Regierung eine Vorabentschädigung von einstweilen neun bis zehn Milliarden Euro verlangt, denn solche Ertragseinbußen könnten die Landwirte selbstverständlich nicht hinnehmen. Landwirtschaft diene schließlich allen. Der Krisenstab der Regierung wurde wegen Arbeitsüberlastung durch einen weiteren Krisenstab unterstützt.

"Total erschütternd diese Wärmekatastrophe!" Bernd C. Füerbier nahm das multifunktionale Fernbedienungsboard seines Monitorlook-Inline-On-Screen-Fernsehapparates und schaltete das Gerät aus.

"Echt du! Wer hätte das erwartet, nachdem der Winter doch irgendwo so gut angefangen hat?"

Den langen scharlachroten Kaschmirschal hatte Bernd C. Füerbier bereits in den Schrank zurückgelegt und gegen ein etwas leichteres beigegelbes Seidentuch eingetauscht. Doch der Sommer ließ noch auf sich warten. Regen, Sturm und Kälte bestimmten fortan die Wetterlage. An den Ostertagen mogelte sich sogar die eine oder andere Schneeflocke zwischen die Regentropfen und Hagelkörner.

"Judith! Hol mir mal meinen scharlachroten Kaschmirschal wieder aus dem Schrank!", rief Bernd C. Füerbier, als er am Ostermontag mit seiner Frau ins Grüne fahren wollte. "Mir ist irgendwo total kalt."

Mit dem langen scharlachroten Kaschmirschal in der Hand nahm Judith Füerbier auf dem Beifahrersitz des Achtzylinders Platz. Bernd C. Füerbier löste das leichte beigegelbe Seidentuch von seinem Hals und band sich den scharlachroten Schal um.

"Immer nur Kälte!", mäkelte er. "Das ist ja nicht auszuhalten. Will dieser Winter denn überhaupt kein Ende nehmen?"

© Ernesto Handmann für alle Satiren und Kurzgeschichten auf diesen Seiten


Oben  |  Zurück |  Weiter


Jedwede Art der Verbreitung, Veröffentlichung oder nichtprivaten Nutzung
der Satiren nur mit Genehmigung des Autors Ernesto Handmann!
Ernesto Handmann
satirennexgo.de
Oben   Start   Satiren   Nachtigall   Bauernregeln   Gedichte   Kontakt   satirennexgo.de Kurzadresse: www.satiren.phantasus.de  
Voll im Trend Satiren Satiren Ernesto Handmann
Start   Satiren   Nachtigall   Bauernregeln   Gedichte   Kontakt   satirennexgo.de Zurück |  Weiter
Voll im Trend
Satiren
Ernesto Handmann
Satiren und Kurzgeschichten
über den Zeitgeist
Satiren & Kurzgeschichten